Der Abschied von meinem Baby [Teil 1]

 

Mein Blick starr auf den Boden gerichtet stieg ich die Treppen nach oben. Meine Hand glitt derweil am kühlen Treppengeländer entlang und nahm die triste Umgebung wahr. Immer wieder flog mir beim vorbeirauschen einer fremden Person eine Haarsträhne ins Gesicht, die im Nu weggepustet wurde. Ohne großartig einen Gedanken zu verschwenden, wischte ich mir mit der bloßen Hand die Tränen aus dem Gesicht. Niemand sollte meinen innerlichen Schmerz wahrnehmen.

In der 1. Etage angekommen merkte ich deutlich, wie meine Knie anfingen zu zittern. Mein Blick schweifte in Richtung Fensterfront vor der eine Vielzahl Patienten saßen und auf ihren Termin warteten. Langsam schlich ich den Flur entlang und zog meine Füße regelrecht hinterher. Die Stille war kaum auszuhalten. Sowohl um mich herum als auch in meinem Herzen. Dreimal klopfte ich an der Tür meiner Frauenärztin und öffnete diese anschließend vorsichtig. Im Warteraum saßen bereits unzählig viele junge Frauen die zärtlich ihre Babybäuche streichelten.

Zwischen all den glücklichen Gesichtern, werdenden Müttern und strahlenden Vätern saß schließlich Ich. Eine junge Frau, die eben erst ihr Kind verloren hat. Scheiß Situation!

Mit Tränen in den Augen versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen. Weder die Leere im Herzen noch die Angst vor dem anstehenden Ultraschall. Denn anders als bei den meisten anwesenden Mädels war mein Ultraschallbild leer. Mein Kind tot.

 

Freunde und Bekannte gehen mir seitdem aus dem Weg

 

Die Fehlgeburt hat mich verändert. Sie hat mein Leben auf den Kopf gestellt und aus mir eine vollkommen neue Person gemacht. Die lebensfrohe, stets gut gelaunte Janine war ferner denn je. Und mit ihr zogen auch Freunde und Bekannte davon.

Die Zeit nach dem Tod meines Kindes war ich allein. Niemand war bei mir, weder meine Freunde noch meine Familie. Letzteres war einfach zu weit weg, meine Freunde hingegen bewusst fern geblieben. Ich habe mich nach Umarmungen gesehnt, nach Menschen zum Reden und Ablenkungen jeglicher Art. Doch niemand war da. Man ließ mich mit der Situation vollkommen allein.

 

Mein Umfeld kann mit der Situation einfach nicht umgehen. 

 

Trauer ist ein individueller Prozess, weshalb jeder auf seine Art mit dem Thema umgeht. Doch Trauer ist auch ein Prozess, der uns unser Leben lang in verschiedensten Situationen begegnen wird. Demnach ist es wichtig zu trauern und Kraft zu spenden. Nur so lernen wir, mit Verlusten umzugehen, mit ihnen zu leben und uns nach und nach wieder den schönen Seiten des Lebens zuzuwenden.

Mir ist bewusst, dass es für mein Umfeld schwer sein muss, das Ausmaß meines Verlusts zu erfassen. Für sie ist das Baby schließlich nie in der wirklichen Welt angekommen. Dennoch ist das soziale Umfeld ein wichtiger Faktor in der Trauerbewältigung und maßgeblich daran beteiligt, einen gesunden Trauerprozess zu durchlaufen. Das ich während meiner Trauer auf Schweigen stoße und Leute um mich habe, die sich aufgrund von Ratlosigkeit und Unsicherheit abwenden, ist schmerzhaft. Der Weg durch die Trauer demzufolge kaum zu bewältigen.

 

Warum musste mein Baby sterben? – Abschied von meinem Baby

 

„Rosalie“, wie mein Sternenkind liebevoll getauft wurde, wird in wenigen Wochen in einem Gemeinschaftsgrab für Sternenkinder beigesetzt.

Dadurch bekomme ich die Möglichkeit mein Kind würdevoll zu verabschieden, obwohl es nie das Licht der Welt erblicken durfte. Das Sternenkinder-Grab ist schon jetzt wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden, obwohl die Trauerfeier und Beisetzung erst im Dezember stattfinden wird. Wann immer es mir möglich ist, besuche ich das Gemeinschaftsgrab und sorge dafür, dass meine Engel (2008 & 2019) stolz auf mich sind.

 

Neben ein paar niedlichen Kleinigkeiten wie etwa einem Engel aus Porzellan sowie einem farbenfrohen Windrad, habe ich auch eine Gedenktafel mit den Namen meiner Kinder niedergelegt. Dieser Prozess ist sehr hilfreich um den Verlust verarbeiten zu können. Dazu gehört auch, dass man seinem Sternenkind einen Namen gibt.

 

 

An manchen Tagen sitze ich vor dem Grab und streichle zärtlich über die angepflanzten Rosen. Nebenbei erzähle ich „Shyrin und Rosalie“ von meinem Alltag, berichte von lustigen Ereignissen oder spreche über meine Liebe zu ihnen. Es fällt mir dabei immer schwerer das Grab zu verlassen und meine Kinder zurückzulassen. Zeitgleich hilft es mir ungemein einen Ort gefunden zu haben, der meine Trauer erlaubt.

Anfangs fühlte es sich so an, als würde ich meine Kinder „abschieben“. Längst habe ich jedoch begriffen, dass ich diesen Ort brauche, um zumindest zu Hause wieder klar denken zu können. Ich habe mich quasi bewusst für das eigene Leben entschieden um in naher Zukunft wieder ein Lächeln auf den Lippen tragen zu können.

 

„Teil II: Der Abschied von meinem Baby – Die Beisetzung “ folgt im Dezember!

 

Für Shyrin und Rosalie,

in Liebe.

 


 

Auch DU kannst dazu beitragen, dass betroffene Familien eine würdevolle Beisetzung erleben dürfen. Durch eine kleine Spende kannst DU die Pflege und Erhaltung der Grabstätte für Sternenkinder unterstützen.

Spendenkonto des Hospizdienst OSL

Sparkasse Niederlausitz
BIC: WELADED1OSL
IBAN: DE 87 1805 5000 3010 0183 03

Für Sternenkinder wie Shyrin und Rosalie – Abschied von meinem Baby.

 

Danke!

10 Kommentare

  1. Ivonne
    19. Juli 2019 / 21:31

    Sehr berührend. Fühl dich umarmt.

  2. Sybille
    19. Juli 2019 / 22:20

    Es ist schwer ein Kind gehen zu lassen.Ich hab 2Sternenkinder und auch keine Freunde mehr in dem Moment.
    Ich fühle mit dir.

  3. Michael
    20. Juli 2019 / 10:17

    Meine Kollegin hatte es im Januar auch. Es war schwierig auf sie zu zugehen. Wie man mit ihr sprechen sollte. Wir hatten einen Konzert/Kino Abend und ich fragte ob sie drüber sprechen mag und sie erzählte mir, wie sie die 3 Monate zurecht gekommen ist.

    Mittlerweile ist sie wieder bei uns auf Arbeit und hat auch die Festanstellung jetzt danach bekommen.
    Manchmal überlege ich gut, bevor ich einen selten dämlichen Küchen/Gastro Spruch vom Stapel lasse, wenn sie in der Nähe ist.

    • Calista
      Autor
      21. Juli 2019 / 20:48

      Das glaube ich, ist auch nicht leicht mit Menschen umzugehen die sowas durchgemacht haben

  4. Chr.
    20. Juli 2019 / 22:27

    Ich finde es schön dass Du einen Platz zum Trauern gefunden hast. Fühl Dich gedrückt!

    • Calista
      Autor
      21. Juli 2019 / 20:48

      Danke dir. So ein Ort kann echt wahre Wunder bewirken

  5. 22. Juli 2019 / 21:49

    Ich wünsche euch ganz viel Kraft, fühl dich gedrückt.

    Liebe Grüße
    Susanne

  6. Gaby
    25. August 2019 / 23:15

    Meine Mutter hatte 12 (!) Schwangerschaften und nur 3 Kinder sind lebend auf die Welt gekommen. Die latente und immer wieder aufflackernde Trauer war für mich ein steter Gast in meiner Kindheit. Deswegen bin ich selbst zu meinem „Herzensthema“ gekommen: ich möchte dazu beitragen, dass Mütter, auch diejenigen, die ohne Kind durch ihr weiteres Leben gehen müssen, wieder mehr ins Zentrum der Gesellschaft gerückt werden, sich zusammentun und gemeinsam stark werden…
    Dieses Thema hat mich nie ganz „verlassen“

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