„Es wird alles gut!“ –  Wie gerne würde ich sagen, dass diese Worte mir die Angst genommen und mich auf die nachfolgenden Momente vorbereitet haben. Doch das haben sie nicht. Manchmal sitze ich auf dem Boden, die Knie leicht angewinkelt, und starre gedankenlos in die Leere. Ich spüre dabei deutlich einen tiefen Schmerz. Die Stille ist in diesen Momenten präsenter denn je und kaum auszuhalten.

Der Verlust meiner Kinder im vergangenen Jahr hat mich stark verändert. Nicht nur das ich reifer geworden bin, auch habe ich meine Grenzen überschritten und mich dabei besser kennengelernt. Mittlerweile kenne ich den Grund für meine zweite vorzeitig beendete Schwangerschaft. Der Schmerz wird dadurch nicht leichter, dennoch war es wichtig eine Antwort auf das „Warum“ zu bekommen.

Conner, wie wir unser zweites Kind liebevoll getauft haben, war zu keiner Zeit lebensfähig, denn er verirrte sich in den Eileiter und blieb dort lange unentdeckt. Im Fachjargon spricht man dann von einer Extrauteringravidität. Die meisten extrauterinen Schwangerschaften treten im Eileiter auf und werden daher Eileiterschwangerschaften genannt. Die Implantation des Embryos kann jedoch auch in den Eierstöcken und der Bauchhöhle auftreten.

 

Plötzlich begann die Angst um mich und mein Kind – Eileiterschwangerschaft

 

Das Ende meiner zweiten Schwangerschaft kam plötzlich und unerwartet. In der Nacht vor meinem Eingriff streichelte ich meinen Bauch und lauschte den sanften Klängen der Spieluhr bis ich schließlich in das Land der Träume versank. Am nächsten Morgen fühlte sich mein Bauch jedoch komisch an, eine seltsame Leere machte sich bemerkbar. Mir war dieses Gefühl nicht fremd, immerhin nahm ich es bereits bei meiner ersten Schwangerschaft wahr. Die Angst vor einer erneuten Fehlgeburt stand plötzlich im Raum. Schlagartig traten zudem starke Schmerzen im Unterbauch auf. Gefolgt von einer leichten vaginalen Blutung. Ich wurde panisch, spürte mein Herz rasen und die Tränen auf meinen Wangen. Später schrie ich lautstark los und weinte ununterbrochen. Zeitgleich versuchte ich mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, um Hilfe zu holen. Meine Hand griff wie in Trance zum Smartphone und tippte die Nummer meiner Schwiegermutter (in Spe) ein. Wenige Minuten später stand sie neben mir, legte meine Beine hoch und versuchte mich zu beruhigen.

 

Im Krankenhaus brach ich schließlich zusammen und konnte nur noch mit einem Rollstuhl in den Behandlungsraum gefahren werden. Die darauffolgenden Minuten nahm ich demzufolge kaum noch richtig wahr. Nachdem die Ärztin einige Tast- und Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt hatte, folgte schnell die traurige Gewissheit. Weinend saß ich im Rollstuhl und streichelte meinen Bauch. Es war das letzte Mal das mein Kind mir nahe war, denn bereits wenige Minuten später lag ich auf dem Klinikbett und wurde für die Not-Operation vorbereitet.

 

Symptome einer Eileiterschwangerschaft

Normalerweise treten in der sechsten bis neunten Schwangerschaftswoche erste Anzeichen auf, die auf eine Eileiterschwangerschaft hindeuten. Neben Blutungen, möglicherweise auch nur Schmierblutungen, treten auch unterschiedlich starke Unterleibsschmerzen auf. Diese sind meist einseitig auf der Seite der Eileiterschwangerschaft wahrzunehmen. Leichtes Fieber und eine berührungsempfindliche Bauchdecke sind ebenfalls möglich. Wird die Eileiterschwangerschaft sehr früh entdeckt, ist eine Operation nicht unbedingt nötig. In solchen Fällen kann die Eileiterschwangerschaft medikamentös behandelt werden. In meinem Fall war jedoch bereits ein fortgeschrittenes und riskantes Stadium erreicht, weshalb ich sofort in den Operationssaal gebracht werden musste.

Immer wieder schluchzte ich laut auf, spürte die Tränen auf meiner Wange und zitterte am ganzen Körper. Ich fühlte mich alleine, kraftlos und durcheinander. Eben war noch alles in Ordnung und jetzt musste ich schon wieder Abschied nehmen. Die Krankenschwestern streichelten mir immer wieder über den Kopf und flüsterten mir liebevolle Sätze zu.

„Alles wird gut, Janine.“

 

Emotionale Auswirkungen &  Unterstützung

 

Nach der überstandenen Operation lag ich alleine in meinem Krankenhauszimmer und starrte die Wand an. Es schien, als hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht verstanden was gerade geschah. Mein Bauch fühlte sich leer an, die Stille war kaum auszuhalten. Meine Hände lagen ganz ruhig auf der Matratze.

Ich hatte Angst sie auf den leeren Bauch zu legen.

Es fühlte sich falsch an ihn zu berühren.

Immer wieder unterbrachen die Krankenschwestern diese Stille und erkundigten sich nach meinem körperlichen Zustand.

Ich lebte.

Mehr war in diesem Augenblick nicht wichtig.

Erst spät am Abend sank ich meinen Kopf und dachte über die erlebten Stunden nach. Innerlich tobte es. Ich spürte Wut, Enttäuschung und Kummer. Vor allem der Schmerz über den Verlust schien kaum ein Ende zu nehmen. Am liebsten hätte ich geschrien und meine Fäuste gegen die Wand geschlagen. Stattdessen saß ich einfach nur da und weinte. Wieder fühlte ich mich alleine.

 

Mittlerweile sind 238 Tage vergangen. 7 Monate und 25 Tage die so viel Kraft und Mut gekostet haben. Ich gebe zu, ich dachte daran aufzugeben und mir das Leben zu nehmen. Doch immer dann, wenn diese Gedanken besonders intensiv waren, habe ich meinen Partner angeguckt und angefangen darüber nachzudenken. Niemals würde ich ihm sowas antun wollen. Er war der einzige Mensch, der mir zur Seite stand, obwohl er selbst mit dem Schmerz zurechtkommen musste. Ungeachtet dessen hat er mich immer wieder zum Lachen gebracht, mir gezeigt das Aufgeben keine Option ist und wir gemeinsam diese schwere Zeit meistern können. Im Krankenhaus streichelte er mir den Kopf, während der Beerdigung unserer Kinder hielt er meine Hand und im Alltag sorgt er immer für ein Lächeln auf meinen Lippen.

Der Verlust unserer Kinder hat uns verändert, zeitgleich hat er uns als Paar gestärkt und verdeutlicht, dass wir gemeinsam alles schaffen können.

Die Eileiterschwangerschaft war ein Schock sowie eine weitere schmerzhafte Erfahrung. Doch ich bin mir sicher, irgendwann werden wir für diese Trauer und Schmerzen belohnt und unser Wunsch in Erfüllung gehen. Wir müssen nur Geduld haben.

Janine