Vor mehr als einem Jahr stand ich völlig verzweifelt vor den Scherben meines Glücks. Mit einem Strauß Blumen in der Hand öffnete ich die quietschende Friedhofstür und lief in Richtung Sternenkinder Gemeinschaftsgrabstätte. Schon von weiten nahm ich eine seltsame Veränderung wahr. Mein Gang wurde immer schneller, während die Blumen in meiner Hand zu Boden sanken. Zeitgleich spürte ich die ersten Tränen auf meinen Wangen und mein Herz gegen die Brust schlagen. Es war leer. Alles weg. Unser Platz an der Sternenkinder Gemeinschaftsgrabstätte war geplündert worden. Die nachfolgenden Minuten nahm ich kaum noch wahr. Ich weinte lautstark, lief aufgeregt und fragend hin und her. Meine Augen suchten nervös jede noch so kleine Ecke ab und fanden wenige Sekunden später das völlig zerstörte Grabkreuz. Immer wieder sank ich zu Boden und schlug mit der flachen Hand auf die feuchte Erde. Ich konnte meinen Schmerz nicht mehr halten.

Mir wurde in diesen Sekunden mein Ort des Trauerns sowie des Nicht-Vergessen-Werdens genommen.

 

Nach diesem schmerzhaften Erlebnis hat es Monate gedauert, bis ich meine Kinder am Gemeinschaftsgrab wieder besuchen konnte. Es fällt mir seitdem sehr schwer den Friedhof zu betreten. Aufgrund dessen bringe ich nur noch einen Strauß Blumen mit und vermeide kleine Geschenke jeglicher Art. Der Besuch fühlt sich seitdem nicht mehr gut an und ich merke immer deutlicher, dass ich anfange, die Trauer zu verdrängen. Um dies zu vermeiden und auch psychische Folgeschäden zu verhindern, habe ich mich für eine Gedenkecke im Garten entschieden. Meine Mitmenschen haben mich dafür stark belächelt und fanden die Idee absurd. Viele von ihnen verstanden den Sinn dahinter nicht und schüttelten unbeeindruckt den Kopf. Ich hingegen war fest entschlossen diese Idee in die Tat umzusetzen.

Pünktlich zu meinem 31. Geburtstag und wenige Tage vor Rubys Todestag, wurde mein ganz persönlicher Ort des Nicht-Vergessen-Werdens fertig – meine Gedenkecke.

 

Gedenkecke im Garten

 

Meine Wahl fiel auf einen Holzrahmen bestehend aus nordeuropäischem Nadelholz aus dem Baumarkt. Der Palettenaufsatzrahmen ist eigentlich ein wertvolles Verpackungsmittel, um Waren vor Beschädigungen im LKW zu schützen. Die Rahmen können bis zur gewünschten Höhe gestapelt werden und so in eine Box oder Kiste verwandelt werden. Die Palettenrahmen können aber auch eindrucksvoll als Gartenbeet oder Hochbeet verwendet werden.

Nachdem ich den Holzrahmen zusammengebaut habe, wurde er noch mit einem speziellen Holzlack versehen bevor er schließlich seinen Platz im Garten einnahm.

Anschließend habe ich mithilfe einer Schaufel ein kleines Loch in die Mitte des Beetes gegraben und dort eine kleine Holzkiste hineingelegt. Während Rosalie und Conner in einer Sternenkinder Gemeinschaftsgrabstätte ihre letzte Ruhe fanden, wurde Ruby bis heute nicht verabschiedet. Demzufolge habe ich mich für diese Art der „Beisetzung“ entschieden und ihr einen Brief geschrieben, der zusammen mit einem gehäkelten Engel und einem Kuss begraben wurde.

Aufgefüllt wurde das Hochbeet schließlich mit reichlich Graberde.

 

Trauerritual nach Fehlgeburt

 

Im Punkto Gestaltung habe ich mich für ein ganz besonderes Bild aus meiner Vergangenheit entschieden. Vor genau 13 Jahren stand ich zum ersten Mal am Meer und spürte den warmen Sand auf meiner Haut. Der Wind wehte durch mein Haar und kitzelte dabei meine Nasenspitze. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einer tiefen inneren Ruhe lief ich den Strand entlang und bückte mich nach jeder noch so winzigen Muschel. Ich war glücklich. Und wie.

Genau dieses Gefühl habe ich versucht bildlich darzustellen, indem ich einen großen Leuchtturm platzierte und einen Weg aus Kieseln und Leuchtsteinen formte.

Mittlerweile (Stand: September 2021) wurde die Gedenkecke der Jahreszeit entsprechend angepasst.

 

Bewusste Trauer nach einer Fehlgeburt

 

Auch wenn mich viele für diese Art der „Therapie“ belächelt haben, tut mir die bewusste Trauer nach meinen Verlusten unglaublich gut. Ich gehe seit dem ersten Tag sehr offen mit dem Thema um und teile meine Erfahrungen und Gedanken dazu. Dass man vor allem in der eigenen Familie auf „taube Ohren“ stoßt und der Tod von Kindern, allem voran während der Schwangerschaft, so negativ aufgenommen wird, hat mich in meiner Aufklärungsarbeit und Trauerarbeit bestärkt. Ich habe gelernt meine Gefühle offen auszusprechen und meine Grenzen klar zu definieren.

Die schmerzhaften Erlebnisse der vergangenen Jahre habe ich noch lange nicht verarbeitet, aber ich bin auf einem guten Weg.

Janine