Reaktionen auf Fehlgeburt „Beim nächsten Kind klappt es bestimmt“

Ein Kind zu verlieren, ist schrecklich – auch dann, wenn es noch nicht geboren wurde. Die meisten Frauen schweigen darüber, denn sie fühlen sich schuldig. Fast so, als hätten sie versagt. Einer Umfrage zufolge (Tommys, November 2015), glauben 85% der Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, dass die Menschen nicht verstehen, was sie durchgemacht haben. Doch ist dem wirklich so?

Hinwegsehen, das tun die meisten. Kaum jemand möchte über ein so brisantes Thema sprechen. Nur die wenigsten lassen den Schmerz zu und zeitgleich ihren Gedanken freien Lauf. Dabei brauchen Sterneneltern gerade in dieser schmerzhaften Zeit so viel Halt und Verständnis wie nie. Oft reicht schon eine einfache Umarmung aus.

Nach meiner Fehlgeburt im März diesen Jahres, wurde ich von vielen meiner Freunde gemieden. Der einst so intensive Kontakt brach einfach ab. Enge Vertraute gab es plötzlich nicht mehr. Eine schlimme und schmerzhafte Reaktion, die meine Situation deutlich erschwert hat. Für mich begann damit ein zusätzlicher innerer Kampf, die Trauer um mein Kind und die Anerkennung dieser Trauer durch die Außenwelt.

 

Unsensible Reaktionen auf Fehlgeburt

 

85 Prozent der Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten haben, fühlen sich von ihrem Umfeld missverstanden. Sie fühlen sich in ihrer Trauer allein gelassen. Das alles zeigt, dass eine Fehlgeburt noch immer ein Tabuthema ist.

Aufgrund der negativen Reaktionen seitens meiner „Freunde“ und engen „Vertrauten“, habe ich mich immer mehr von der Außenwelt abgekapselt. Sprüche wie „Wenigstens war es noch kein richtiges Baby“ oder „Wenigstens kannst du schwanger werden“ haben mich verletzt und zu diesem Schritt veranlasst. Natürlich ist mir bewusst, dass Angehörige und Freunde oft einfach nicht wissen, was sie sagen sollen. Scheinbar tröstende Worte, die nett gemeint waren, fühlen sich verletzend an.

Das einzige, was ich nach dieser Zeit hören wollte, war ein schlichtes `Es tut mir Leid`.

 

Zu viel für all jene die Teil meines Lebens waren. Sie blieben fern und werden wohl auch nie wieder einen Platz in meinem Herzen finden. Für mich zeigte diese „Ablehnung“ deutlich, dass die Freundschaft nicht intensiv genug war, um Zeiten wie diese gemeinsam zu überstehen. Der Tod gehört zum Leben und ist stets präsent, auch dann, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Wir sollten daher trauernde nicht alleine gehen lassen, sondern Präsenz zeigen. Halt geben und Kraft spenden. Doch warum hat das niemand für mich getan? Warum wurde ich allein gelassen? Bin ich es nicht wert, wieder glücklich durch das Leben gehen zu dürfen?

 

Aufklärung? Fehlanzeige

 

Ehrlich gesagt wusste ich schon früh, dass meine Schwangerschaft nicht wie geplant verläuft. Mal abgesehen von den leichten Blutungen waren auch die Worte der Frauenärztin mit einem leicht negativen Unterton versehen. Zwar lag ich immer lächelnd auf der Liege und beobachtete meinen Bauchzwerg auf dem Monitor, doch im Herzen wusste ich, dass irgendwas nicht nach Plan läuft. Aufgrund dessen wurde mir sehr viel Bettruhe verordnet. Selbst kleine Besorgungen, die tägliche Blogarbeit sowie der Haushalt waren Tabu.

Ich wusste nichts über Fehlgeburten. Daher ging ich, als die Blutungen wiederkamen, davon aus, dass alles gut werden würde. Irgendjemand würde mir und meinem Kind schon helfen können.

Als schließlich DER Moment kam, brach für mich eine Welt zusammen. Ich verstand zu diesem Zeitpunkt kaum, was um mich herum geschah. Die Ärztin im Krankenhaus schüttelte immer wieder mit dem Kopf- es konnte kein Embryo mehr gefunden werden. Wie in Trance lief ich den Gang der Gynäkologie entlang und wagte es nicht den Kopf zu heben. Meine Tränen purzelten die Wangen hinab und kamen auf dem kalten Boden der Station auf. Ein Albtraum.

Weinend streichelte ich über den Bauch, wohl wissend das dieser kein Leben mehr beinhaltete. Immer wieder biss ich mir auf die Unterlippe, um niemanden meinen Schmerz zu zeigen.

Selbst 117 Tage später schaffe ich es nicht diese Situation alleine zu bewältigen. Noch immer weine ich täglich, schreie und kratze mich blutig. Mein Herz ist unendlich traurig und so voller Kummer, dass mein Leben völlig still steht. Es fehlt mir an Ermutigung, tieferen Verständnis und Halt. Auch bin ich oft noch frustriert über die Reaktionen meiner Mitmenschen. Es war ein Lebewesen. Ein Mensch, mein Baby.

Ich fühle mich verwirrt und isoliert.

 

Gemeinschaftsgrabstätte für Sternenkinder

 

So schmerzhaft und trist mein Alltag seither auch ist, aufgeben wollte ich auch diesmal nicht. Daher habe ich mich an den Hospizdienst meiner Umgebung gewandt und um ein Gespräch gebeten.

Mein letzter Dialog mit einer ehrenamtlichen Hospitzbegleiterin gab mir wieder Kraft und weckte unerwartete Hoffnung. Gemeinsam besuchten wir die Gemeinschaftsgrabstätte für Sternenkinder und heckten einen tollen Plan aus. So werden im Dezember diesen Jahres meine beiden Sternenkinder ihre letzte Ruhe an diesem liebevollen Ort finden.

 

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen lache…
Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst immer mein Freund sein…
Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen…
Und ich werde dich nicht verlassen.

(aus „Der kleine Prinz“, Antoine de Saint- Exupéry)

 

Janine (Foto: canva.com)

Unsensible Reaktionen auf Fehlgeburt – habt ihr Erfahrungen damit machen müssen?

2 Kommentare

  1. Ivonne
    29. Juni 2019 / 8:15

    Mir kommen die Tränen bei deinem Beitrag. Ich umarme dich mal symbolisch aus der Ferne. Ich selbst habe keine Kind verloren und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich mit diesen Schmerz fertig geworden wäre.

  2. Christine Spr
    30. Juni 2019 / 10:54

    Eine schwierige Situation – abwenden verstehe ich nicht, dass man nicht die richtigen Worte findet oder mal das Falsche sagt, gut gemeint, das schon eher – ein echter Trost gibt es in so einer Situatuin nicht, nur Halt und das Wissen dass andere mitfühlen, auch wenn sie nicht das Selbe erlebt haben. Fühl Dich gedrückt!

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