Sternenkind: Abschied bevor das Leben anfängt

Regungslos lag ich auf der kalten Liege und spürte wie mir die Tränen die Wangen hinab liefen. Mein Blick starr auf den Monitor gerichtet, während die Ärztin unzählig viele Worte von sich gab. Das war er nun also, der Moment, der mein Lächeln mit sich nahm. Dabei war es nicht einmal 48 Stunden her, dass ich dich zuletzt auf dem Ultraschall sah.

Gewachsen warst du. Satte 0,6 mm innerhalb weniger Tage. Ein kleiner Kämpfer dem meine starken Medikamente nichts anhaben konnten. Immer wieder streichelte ich meinen Bauch und erzählte dir von den vielen Entdeckungen und Momenten, die wir künftig gemeinsam erleben sollten. Mein Lächeln strahlte heller als es die Sonne am Horizont je hinbekommen könnte. Ich war glücklich, zufrieden und dankbar. Dankbar für dich, mein Wunschkind.

Wir gingen gemeinsam in den Tierpark, beobachteten die Affen beim Spielen und ruhten uns vor dem Gehege der Ziegen aus. Eine von ihnen stupste zärtlich gegen meinen Bauch, als würde sie dich begrüßen wollen. Auch verbrachten wir viele Momente am See, zwischen Blumen und Blättern, und genossen vor Ort den Klang der Wellen. Jede einzelne von ihnen gab einen unglaublich angenehmen Ton von sich, den du irgendwann auch hättest spüren sollen. Gemeinsam schlenderten wir durch die Läden und packten die ersten Babysachen ein. Ein Strampler, ein süßes Strickjäckchen und ein paar kleine Spielereien, die dir gewiss gefallen hätten. Mit dir an meiner Seite blühte ich auf.

Doch plötzlich zog ganz unerwartet ein Gewitter auf. Schmerzerfüllt verkrampfte ich auf dem Sofa. Immer wieder biss ich mir auf die Unterlippe und krallte mich mit meinen Nägeln in die Kissen. In genau diesem Augenblick schien die Welt um mich herum still zu stehen. Innerlich nahm ich eine seltsame Leere wahr. Intuitiv wusste ich was eben geschah, doch ich wollte es nicht wahrhaben. Eiskalt lief es mir die Waden hinunter bis ich dich wenig später in meinen Händen hielt. Leblos!

Im Krankenhaus wenig später die traurige Gewissheit: du hast dich für ein anderes Leben entschieden.

Immer wieder biss ich mir auf die Unterlippe und lauschte den Worten der Ärztin. Sie bemühte sich mir die Situation sachlich zu schildern, klärte mich über den weiteren Verlauf auf und spendete Trost. Zitternd verließ ich schließlich die Räumlichkeiten und brach weinend vor der Station zusammen. Um mich herum so viel Stille und Leere.

 

Wer trauert, findet sich von einem Moment zum nächsten in einer anderen Welt wieder. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es war. Meine Routinen haben ihren Sinn verloren. Alles tut weh. Das Leben funktioniert einfach nicht mehr. Es gibt seither Momente, da möchte ich einfach nur weinen oder vor mich hinstarren. Zeitgleich gibt es aber auch Momente, in denen ich nicht weinen, verzweifeln oder zusammenbrechen will. In solchen Augenblicken ist es gut, wenn man weiß, wie man sich beruhigen kann, sodass man nicht dem Gefühl der Kontrolllosigkeit ausgeliefert ist. Tatsächlich habe ich in der vergangenen Zeit viel gelesen, mich intensiv mit dem Thema Fehlgeburten befasst. Ich wollte Klarheit, eine Erklärung oder einfach nur eine Bestätigung, dass andere auch den Schmerz der Trauer fürchten.

Viele sprechen von einer „Zelle“, einem Stück „Gewebe“- doch es war weitaus mehr. Es war ein Lebenwesen. Ein Mensch. Es war mein Kind.

Mit der Nachricht meiner Fehlgeburt bin ich sehr offen umgegangen, weshalb bereits am darauffolgenden Tag meine Familie darüber in Kenntnis gesetzt wurde. Ihr Mitgefühl war enorm, zeitgleich schmerzte die Entfernung. Nach nichts sehnte ich mich mehr, als nach einer Umarmung meiner Eltern.

Auch Freunde und Bekannte wurden zeitnah darüber informiert, wobei die Reaktionen hier krasse Unterschiede offenbarten. Während einige von ihnen ihr Beileid bekundeten, brachten andere nur Sätze wie „Beim nächsten Kind klappt es besser“ heraus. Worte die mich tief trafen und für tränenreiche Augenblicke sorgten. Immerhin wollte ich nicht irgendein Kind, ich wollte dieses Kind!

Die erste Zeit nach der Fehlgeburt habe ich mich stark von der Außenwelt abgekapselt. Nur selten verließ ich meine Wohnung geschweige denn mein Bett. Ich lag einfach nur da und starrte die kahle Wand an, während sich unzählig viele Tränen ihren Weg suchten. Mittlerweile jedoch besuche ich mehrmals in der Woche unterschiedliche Therapiegruppen, die sowohl für Ablenkung als auch einen Gedankenaustausch sorgen.

Den Schmerz und diesen furchtbaren Verlust wird mir nie jemand nehmen können. Immerhin kannte ich meinen Bauchzwerg schon bevor ich seinen Namen wusste. Liebte ihn, bevor ich sein Gesicht sah. Nachts schaue ich immer wieder in den Nachthimmel und frage mich, ob mein Kind diese Liebe fühlen kann. Und frage auch, ob ich jemals wieder diese Freude spüren werde.

15 Kommentare

  1. Katrin Westphal
    22. März 2019 / 9:48

    Der kleine Wurm hatte ein schlagendes Herzchen. Es ist kein Stück Gewebe.. Das die Worte dich trafen kann ich gut verstehen und trotzdem finde ich es bemerkenswert das du so offen damit umgehst. Darüber reden und schreiben macht es nicht rückgängig aber trotzdem tut es manchmal gut. Ich wünsche von Herzen viel Kraft!

  2. Ilse
    22. März 2019 / 11:31

    Ich drücke dich ganz fest und wünsche dir von ganzem Herzen, dass die Sonne und dein Sternchen dein Herz erwärmen mögen. Du hast einen Stern am Himmel und er wird immer auf dich scheinen, immer.

  3. Michaela
    22. März 2019 / 11:42

    Ich weiß wie du dich fühlst musste das leider auch schon durchmachen :(
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft

  4. Sissi S.
    22. März 2019 / 12:07

    Ich würde dich gerne wortlos und einfach so weil ich es mag in die Arme nehmen und fest drücken liebe Janine.
    Verluste sind immer schmerzhaft und jeder nimmt sie anders wahr, wohingegen auch jeder anders damit umgeht. Ich finde es prima dass du dich der Sache stellst, versuchst anzunehmen indem du einen Brief an dein Kind schreibst <3 Es stimmt mich traurig iwo wenn ich deine Zeilen lese, finde es aber dennoch sehr bemerkenswert und kraftvoll und ja auch mutig, dass du dies hier so offen an deine Leser schreibst. Ich wünsche dir einen Weg mit den Dingen umzugehen und ich wünsche dir Menschen die dich deiner annehmen ohne Wertungen.

  5. Cindy
    22. März 2019 / 12:16

    Das tut mir so leid:-( ich kann das ganz gut nach Empfinden. Ich habe 3 Engelchen dort oben . Seid dem Moment wo man ich erfahren habe das ich schwanger bin , sind es meine Kinder gewesen und kein Stück Gewebe.

  6. Natascha Reichert
    22. März 2019 / 12:25

    Es gibt nicht genug Worte oder nicht die richtigen, die diesen Schmerz auch nur beschreiben können, WIE WEH es tut.
    Ich drück Dich und schick Dir viel Kraft

  7. Sandra
    22. März 2019 / 12:27

    Ich kann es sehr gut verstehen. Ich habe auch 3 Sterne die nachts auf mich leuchten.
    Es schmerzt immer.
    Fühl dich gedrückt…

  8. O.C.
    22. März 2019 / 12:40

    Dein kleines ist jetzt der hellste Stern am Himmel. Fühl dich fest gedrückt

  9. Coco
    22. März 2019 / 12:47

    Halte durch u glaube fest daran daran dass du irgendwann dein Kind im Arm hältst! Verliere den Glauben nicht! Ich bin selbst deinen Weg gegangen u kann deinen Schmerz nachempfinden… finde die Kraft weiter zu Glauben!!!

  10. Melanie Thal
    22. März 2019 / 13:52

    Meine liebe ich weiß sehr gut was du meinst,zum einen hatt ich damals auch eine fehlgeburt, zum anderen habe ich letztes Jahr meinen Sohn verloren mit nur 24 Jahren. Ich war dann in einer Psychosomartischen Klinik und nun noch immer ambulant in psychologischer Behandlung. Ich drücke dich von ganzem Herzen.LG Melli

  11. Eleni
    22. März 2019 / 18:07

    Deinen Schmerz geht mir so nahe,als wäre er meins.Dein Kind weiss,dass du es liebst und es wird der Tag kommen,wo ihr nie wieder getrennt seinn werdet.Mir hat man Geschwiester vorendhalten,sie Umgebracht. mich hätte man auch fast abgetrieben.Ich frag mich immerwieder,was aus ihnen geworden wäre,wie sie seinn könnten.Keine Antwort.Ich spüre die Lücke,die sie hinterlassen haben.Doch hab ich die Zuversicht,dass ich Sie sehen werde,wenn ich eines Tages nach Hause darf und es wird dann keine Trennung mehr geben.Das ist der einzige Trost,den ich dir geben kann.In Gedanken umarme ich Dich,hab Dich lieb,

  12. Ivonne
    22. März 2019 / 20:15

    Mich berühren deine Worte so sehr. Ich weiss ja,wie sehr du dich gefreut hast und wie stolz du warst. :-( Ich würde dich jetzt sehr gerne umarmen.

  13. Franziska Halbach
    22. März 2019 / 20:43

    Mir fehlen ehrlich die Worte, fühl dich ganz fest umarmt , ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll, aber ich habe dich als sehr starken Menschen kennen gelernt. Dein Sternenkind wird immer ein Teil von dir sein, aber es wünscht dir von oben alles erdenklich Gute
    Liebe Grüße
    Feanzi

  14. Julia B.
    23. März 2019 / 22:48

    Mir fehlen echt die Worte….! Das hast du wundervoll geschrieben, mein tiefstes Mitgefühl fühl dich bitte gedrückt

  15. Ute Just
    20. April 2019 / 21:17

    Es tut mir leid, dass du so schmerzlich die Fehlgeburt mitbekommen hast. Meine erste verlief genau gleich, meine zweite allerdings, da wurde ich von der Hebamme begleitet, die mich bei der Geburt unseres ersten Sohnes unterstützte. Erst nachdem ich bereit war mein Baby gehen zu lassen, bekam ich Wehen und die Hebamme kam zur Kontrolle, dass das Baby auch komplett rauskam. Unterstützt wurde ich auch von meiner Frauenärztin, die mich während meiner Schwangerschaften betreute. Durch die Zeit, bis mein Körper bereit war, das Baby gehen zu lassen, konnte ich und meine Familie den Verlust besser verkraften und als ich dann schwanger war, freute ich mich auch auf dieses Kind und es kam gesund und zuhause zur Welt. Genau wie meine Zwillinge zuhause auf die Welt kamen und natürlich auch unser gemeinsamer erster Sohn.

    Meinen Wunsch für dich ist, dass du, sobald du bereit bist, dich auf dein Baby genau so freust, wie auf dein Sternenkind, das sich für einen anderen Weg entschieden hat.

    Sei herzlich gegrüsst von einer zweifachen Sternenkind Mama

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