Was macht es mit uns, wenn wir plötzlich vor einer unerwarteten Situation stehen? Wenn das Leben abrupt einen Strich zieht und wir innerlich zerbrechen. Aufgeben? Weitermachen?

Es war neben der Beisetzung meiner Kinder einer der wohl schmerzhaftesten Momente der vergangenen Monate. Ich habe geweint, bin im Inneren zusammengebrochen und fing an am Leben zu zweifeln. Wilde Gedanken bis hin zum Suizid durchströmten meinen zitternden Körper. Immer wieder schluchzte ich lautstark, während mein Herz die Welt nicht mehr verstand.

 

Vandalismus zwischen Blumen und Gedenktafeln

 

Erst vor wenigen Tagen besuchten wir das Sternenkindergrab auf dem örtlichen Friedhof. Hier wurden im vergangenen Jahr unsere beiden Kinder „Rosalie“ und „Conner“ beigesetzt. Nach der Beisetzung im Dezember 2019 fingen auch wir an eine kleine Ecke für uns zu nutzen und diese mit Kerzen, selbstgemachten Grabgestecken und einem personalisierten Kreuz zu versehen. Seither zieren viele farbenfrohe Blumen, Spielsachen und Windräder den Gedenkplatz. Ein Ort des Friedens und eine Möglichkeit den beiden trotz allem nahe zu sein.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen liefen wir an diesem Freitag durch das hohe Gras. Es kribbelte im Bauch, die Vorfreude war enorm. Doch diesmal sollte es unser letzter Besuch sein.

Denn vor Ort bot sich ein Bild des Grauens – alles weg! Vandalismus?

Das selbstgemachte Grabgesteck, die von Hand bemalte Grabvase, Kuscheltiere und Spielsachen sowie die eigens angefertige Grabplatte waren weg. Selbst unser „Bäumchen im Topf“ war plötzlich nicht mehr da. Letzteres fanden wir nach wenigen Minuten auf einem anderen Platz wieder, doch von den übrigen Kleinigkeiten fehlte dennoch jede Spur.

Alles was noch übrig ist – ein Herz aus Holz

Besonders schmerzhaft empfanden wir allerdings den Fund des Kreuzes. Ein wunderschönes aus Plexiglas gefertigtes Sternenkinder-Grabkreuz mit den Namen unserer Lieblinge, wurde kaputt gemacht und in eine Ecke des Grabes geworfen. Nach dieser Entdeckung brach vor allem ich regelrecht zusammen. Mein Partner lief in der Zwischenzeit aufgewühlt herum und suchte nach den verschollenen Teilen. Weinend kniete ich auf dem Boden und schluchzte immer wieder auf. Wie konnte man uns nur so etwas antun?!

Warum wir?

Warum?

Sofort riefen wir den Hospizdienst an, der die Pflege und Instandhaltung des Sternenkinder-Grabs übernimmt. Binnen weniger Minuten erschien eine freundliche Dame, der wir den schmerzhaften Verlust näher brachten.

 

Wenn Grabschmuck verschwindet – Vandalismus?

 

Meine Tränen waren kaum zu übersehen. Nur schwer konnte ich mich wieder zusammenreißen und Haltung bewahren. Die Situation kam einfach unerwartet und traf mich in mehrfacher Sicht. Leider gab es weder Zeugen noch fanden wir die verlorenen Stücke wieder.

Alle Zeichen standen auf Neuanfang, doch in meinem Herzen sprach vor allem der Kummer, weshalb ich einen schweren Entschluss fasste.

 

Neben den beiden Fehlgeburten im vergangenen Jahr zählte diese zu den schlimmsten Erfahrungen unseres Lebens. Uns wurde erneut ein Stück aus dem Herz gerissen. Ist es nicht schon tragisch genug, dass wir unsere Kinder nicht in den Armen halten dürfen, sondern ihnen Blumen ans Grab legen müssen? Wir können nicht gemeinsam auf den Spielplatz gehen, uns in die Augen gucken oder an vollen Windeln erfreuen. Auch werden wir nie ihre Stimmen hören, ihr lachen oder weinen wahrnehmen, geschweige denn ein Küsschen auf die Stirn bekommen.

Zurück blieb ausschließlich Kummer und dieser eine Ort zum Trauern. Doch auch das wurde uns nun weggenommen!

Was bleibt uns nun also noch? 

 

Grabschändung – was kann ich tun?

 

Die Störung der Totenruhe ist gemäß § 168 StGB strafbar. Dort heißt es:

(1) Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer eine Aufbahrungsstätte, Beisetzungsstätte oder öffentliche Totengedenkstätte zerstört oder beschädigt oder wer dort beschimpfenden Unfug verübt.

In unserem Fall spricht man von Grabschändung (Vandalismus). Nach Absatz 2 der Vorschrift steht die Beschädigung oder Zerstörung einer Gedenkstätte. Hiervon sind etwa das Beschädigen und Zerstören eines Grabs, einer Urne, eines Sargs, von Kreuzen, Grabhügeln oder Leichenhallen umfasst. Es wird kontrovers diskutiert, ob hierzu auch das Entfernen von (Blumen)schmuck gehört, da nach herrschender Ansicht das verletzte Rechtsgut das Pietätsgefühl der Angehörigen sowie der Gesellschaft durch das fortwirkende Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen über den Tod hinaus (Postmortales Persönlichkeitsrecht) ist. Jeder unerlaubte Eingriff in den Zustand eines Grabes stellt aber zumindest nach dem jeweiligen Ortsrecht (Friedhofsordnung) meist eine Ordnungswidrigkeit dar. Das unerlaubte Entfernen von Gegenständen von Gräbern kann darüber hinaus den Strafbestand des Diebstahls erfüllen.

In einem solchen Fall sollte man die Polizei verständigen und Anzeige erstatten. Immerhin handelt es sich hierbei nicht nur um Sachbeschädigung, sondern auch um Störung der Totenruhe.

Wir hingegen haben uns für einen anderen Weg entschieden und meiden seither das Sternenkinder-Grab. Der Hospizdienst sowie die Friedhofsverwaltung sind informiert – mehr können wir nicht tun. Die finanziellen Kosten, die aufgrund der Sachbeschädigung entstanden sind, waren überschaubar. Vielmehr hat man uns einen Schaden zugefügt – nicht körperlich, aber seelisch.

Janine