Von Bayern nach Brandenburg – Startschwierigkeiten

Seit bald mehr als einer Stunde sitze ich direkt am See und blicke nachdenklich in die Ferne, die in diesem Moment so unglaublich nah erscheint. Ein wahrlich beeindruckender wenn auch trostloser Moment, der dennoch wertvoller denn je erscheint. Während mir der Wind durchs Haar streicht und dabei immer wieder mein Haupt zärtlich berührt, singen die Vögel ihre schönsten Lieder und stimmen damit mein Herz zufrieden. Momente dieser Art häufen sich seit jeher, denn immer wieder schwinden dabei meine Gedanken in die Ferne dahin und gewähren Raum für den Klang der Stille.

Im Lichthof einer Straßenlaterne schlug ich meinen Kragen hoch und hörte den Stimmen der Leute zu, die es wagten den Klang dieser zu stören. Sie spielten mit den Gegensätzlichkeiten und verdrehten dabei ihre Buchstaben. Nur ungern gebe ich zu, dass die vergangenen Schritte zu schnell vonstatten gingen und mich teilweise überforderten. Sei es der Klinikaufenthalt vergangener Tage, der Umzug fernab von den Liebsten oder der Blick auf das was noch kommen mag. Die zurückliegenden Momente waren keineswegs einfach zu meistern, wurden aber dennoch mit Bravour vollbracht. Am meisten an den Kräften gezerrt hat in dieser Zeit vor allem der Umzug in ein neues Bundesland. Von Bayern nach Brandenburg zu ziehen war keine spontane Entscheidung, sondern vielmehr ein Rat meiner Ärzte und Therapeuten.

Ich genoss bereits zuvor die Stille der Ferne und Nähe der Erholung, war zu jenem Zeitpunkt aber noch längst nicht bereit die Zelte zusammenzuschlagen um woanders neu durchzustarten. Erst der langersehnte Klinikaufenthalt Anfang des Jahres hat mir die Augen geöffnet und bewusst gemacht, dass mich in der Heimat nur noch wenig hält.

Binnen kürzester Zeit war eine Wohnung gefunden die nicht nur bezahlbar war, sondern auch optisch meinen Anforderungen genügte. Inmitten der Innenstadt aber dennoch weit ab vom hektischen Trubel, fing ich an Fuß zu fassen, ohne zu wissen, was dabei auf mich zukommt. Sehr schwer habe ich mich dabei jedoch vor allem beim Ummelden getan. Während in meinen Gedanken die Adressen schnell ausgetauscht waren, hat es in der Realität weitaus mehr Zeit und Nerven beansprucht. Allem voran der Wechsel der Krankenkasse. Von wegen mal eben die Adresse ändern lassen, nein, hier musste zunächst telefoniert, gekündigt und neu angemeldet werden. Welch ein Chaos..und alles nur, weil ich ein anderes Bundesland künftig mein zu Hause nennen wollte. Seitdem erreichen mich täglich unzählig viele Briefe von Behörden, denen mein Umzug wohl nicht schnell genug gehen kann. Anträge, Formulare und sonstige Zettel, die ausnahmslos in einer Sprache verfasst waren, der ich nicht mächtig war. An Tagen wie diesen stellte sich mir immer wieder die gleiche Frage: warum habe ich sowas nicht in meiner Schulzeit gelernt? Wieso wurde ich nicht aufgeklärt über die Schritte in ein selbstständiges Leben? Wie man einen Antrag auszufüllen und mit den Beamten vor Ort umzugehen hat?! Fragen, die mir heute niemand beantworten kann….

Verdammt, ich bin 26 Jahre jung und habe das Gefühl nicht alleine auf eigenen Beinen stehen zu können. An mir nagt das Heimweh, die Hilfe meiner Mutter und der Halt der zeitgleich von ihr ausging. Ich fühle mich einsam und alleine gelassen, sitze manchmal weinend auf dem Bett und versuche den Formularen gerecht zu werden, doch muss immer wieder einsehen, dass ich es nicht kann.

Nichtsdestotrotz gab es in den vergangenen Wochen auch wundervolle Momente, die mich in meinem Vorhaben bestärkt haben. Allem voran die unglaublich beeindruckende Kulisse, die ich Tag wie Nacht vor meiner Haustür wahrnehmen darf. Der Senftenberger See ist optisch wahrlich eine Pracht und stärkt mich innerlich enorm. Er hilft mir den Augenblick zu genießen und vergangene Tage schwinden zu lassen. Ein unglaublich kostbares Gefühl, dass ich seither keineswegs mehr missen möchte. Auch besuche ich täglich einen Tierpark, der von Menschen mit Behinderung geführt wird – für mich eine Art Vorbilder, da ich aufgrund meiner Behinderung bzw meiner Krankheit seit Jahren nicht mehr arbeiten gehen konnte und mich sehr danach sehne. Vielleicht ein erster Schritt in Richtung Zukunft? Mein Interesse diesbezüglich ist auf jeden Fall vorhanden und wird seitdem akribisch verfolgt.

Hach, was soll ich sagen. Der Start in ein neues Leben ist definitiv nicht einfach, kann aber dennoch mit etwas Motivation und Willen problemlos gemeistert werden. Ich hoffe das die Anträge und Formulare mir nicht noch den letzten Nerv rauben und ich trotz allem meinen Neustart in vollen Zügen genießen kann.

In diesem Sinne,
danke für eure offenen Ohren.

Janine

7 Kommentare

  1. Kathleen
    11. September 2016 / 12:41

    Ich habe das andersrum gemacht. Von Sachsen nach Bayern. Ein Hafen Papierkram…
    Aber du hast jetzt eine schöne Heimat. Das entschuldigt vieles.

    • Calista
      Autor
      11. September 2016 / 15:14

      Das stimmt allerdings, das entschädigt wirklich so einiges :)

  2. Nina
    11. September 2016 / 15:11

    Ih kenne das. Aber hier sind zum Glück die Behörden etwas freundlicher und hilfsbereit

  3. 11. September 2016 / 20:22

    Auch hier in den ostdeutschen Ländern wirst du Fuss fassen, wir sind ein nettes Volk ;-) LG Romy

  4. 12. September 2016 / 12:33

    Oh je kann verstehen, dass es nicht so einfach ist. Aber immerhin, du hast es geschafft und ich wünsche dir dort viel Glück
    Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

  5. Tamara Treichl
    20. Oktober 2016 / 20:57

    Einfach nur zum beneiden wie du dich immer wieder durch schlägst.

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