Der Verlust, der mein Herz geformt hat – Rosalie

Morgen sind es sieben Jahre.

Sieben Jahre seit ich dich gehen lassen musste.

Sieben Jahre, seit mein Herz zum ersten Mal verstand, dass Liebe nicht garantiert, dass man bleiben darf.

2019 habe ich dich in der Schwangerschaft verloren. So früh, dass manche sagen würden: "Es war doch noch kein richtiges Kind." Aber du warst für mich nie "nicht richtig". Du warst Hoffnung. Zukunft. Ein leiser Anfang.

In der Trauerbegleitung haben wir dir einen Namen gegeben.

Rosalie.

Wir wussten nicht, ob du ein Mädchen geworden wärst. Vielleicht warst du es nicht. Vielleicht warst du es doch. Aber der Name hat dich greifbar gemacht. Er hat aus einem medizinischen Ereignis ein Kind gemacht. Unser Kind.

Rosalie.

Wenn ich deinen Namen ausspreche, ist da immer noch ein Ziehen in meiner Brust. Kein lauter Schmerz mehr. Kein offenes, blutendes Loch. Eher eine tiefe, vertraute Narbe. Eine, die ich nicht mehr verstecke, aber die ich auch nie ganz vergesse.

Der Verlust ist nicht vorbei, nur weil Jahre vergangen sind.

Er hat sich verändert.

Am Anfang war da Schock. Dann Leere. Dann diese bohrende Frage nach dem Warum. Heute ist da Wehmut. Und eine stille Traurigkeit, die sich manchmal zwischen zwei ganz normale Alltagsmomente schiebt.

Wenn ich andere Kinder sehe, die ungefähr in deinem Alter wären, rechne ich manchmal im Kopf.

Du wärst jetzt sieben.

Vielleicht in der Schule.

Vielleicht mit Zahnlückenlächeln.

Vielleicht laut, vielleicht schüchtern.

Ich werde es nie wissen und dieses Nicht-Wissen ist ein Teil der Trauer.

Manchmal frage ich mich, ob ich genug um dich getrauert habe. Ob ich stark sein musste, als ich eigentlich zerbrechen wollte. Ob ich dich irgendwo  auf dem Weg ein Stück losgelassen habe, weil das Leben weiterging.

Aber dann merke ich: Du bist noch da.

Nicht als Gedanke, der mich lähmt. Sondern als Teil meiner Geschichte.

Du hast mich verändert.

Du hast mir gezeigt, wie tief ich lieben kann. Wie verletzlich ich bin. Wie sehr Mutterschaft nicht erst mit einem Schrei im Kreißsaal beginnt.

Dein Verlust hat Spuren hinterlassen - in meiner Art zu hoffen, in meiner Art zu lieben, in meiner Art, das Leben nicht mehr für selbstverständlich zu halten.

Es gibt Tage, da denke ich bewusst an dich und es gibt Tage, da trägst du dich leise selbst durch mein Herz, ohne dass ich es merke.

Sieben Jahre.

Die Welt würde sagen: Das ist lange her.

Mein Herz sagt: Es war gestern. Und es ist heute.

Rosalie, du bist nicht sichtbar in meinem Alltag.

Kein Foto an der Wand. Kein Geburtsdatum im Kalender, das andere kennen. Aber du bist eingeschrieben in mich.

Ich bin deine Mama.

Auch nach sieben Jahren.

Auch ohne Beweis.

Und morgen werde ich einen Moment still sein. Deinen Namen sagen. Vielleicht lächeln. Vielleicht weinen. Wahrscheinlich beides.

Weil Liebe nicht endet, nur weil ein Leben es tut.

with love,
Janine
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