Die Narben der Stille und das Leben, das bleibt

3.3.2019

Es gibt Momente, die kein Geräusch machen und trotzdem alles in der zerbrechen.

Der 3. März 2019 war so ein Moment.

Die Welte drehte sich weiter. Autos fuhren. Menschen lachten. Irgendwo wurde Kaffee gekocht. Doch in mir wurde es still. So still, dass ich es bis heute manchmal wieder höre.

Ich habe an diesem Tag nicht nur ein Kind verloren.
Ich habe eine Version von mir verloren.
Die Frau, die noch glaubte, dass Liebe reicht. Dass Hoffnung schützt. Dass Körper einfach wissen, wie Leben geht.

Es war kein dramatischer Knall. Kein Film. Kein großes Finale.
Es war ein schleichendes Begreifen. Ein inneres Wegkippen. Dann dieser Moment, in dem ich wusste: Etwas ist gegangen, das nie wieder zurückkommt.

Man spricht von Fehlgeburt, als wäre es ein medizinischer Zwischenfall.
Aber was da fehlt, ist kein "Gewebe".
Es fehlt ein Morgen.
Ein erstes Wort.
Ein kleines Paar Hände, das nach mir greift.

Ich hatte sie nie gehalten und doch hatte ich sie schon geliebt.

Diese Liebe - wohin geht sie, wenn das Herz, für das sie gedacht war, aufhört zu schlagen?
Sie bleibt.
Sie sucht.
Und manchmal brennt sie.

Ich habe mich gefragt, ob mein Körper dieses kleine Wesen nicht genug wollte.
Ob ich etwas übersehen habe.
Ob ich vorsichtiger, ruhiger, dankbarer hätte sein müssen.
Schuld ist ein leiser Mitbewohner. Er setzt sich neben dich, wenn es dunkel wird und flüstert Dinge, die niemand beweisen kann, aber die sich wahr anfühlen.

Nach "Rosalie" kamen weitere Abschiede.
Jeder einzelne riss alte Wunden wieder auf.
Ich wurde vorsichtiger mit meiner Freude.
Ich lernte, Hoffnung nur noch in kleinen Dosen zuzulassen.
Ich lächelte, während ich innerlich zählte, rechnete, bangte.

Manchmal hatte ich das Gefühl, mein Herz sei ein zerbrechliches Glas, das immer wieder fällt und trotzdem nicht ganz zerbricht. Nur Risse bekommt. Mehr Risse.

Doch dann, irgendwann, kam dieses eine Leben, das blieb.

Februar 2023.
Mein kleiner Glückskeks.

Als ich ihn das erste Mal sah, war da nicht nur Freude. Es war auch Angst. Eine tiefe, alte Angst, die flüsterte: "Vertrau nicht zu sehr."
Aber er blieb.
Er atmete.
Er wuchs.
Er ist da.

Gerade schläft er im Familienbett. Seine Brust hebt und senkt sich ruhig. Manchmal lege ich meine Hand auf seinen Rücken, nur um sicherzugehen, dass dieses Wunder nicht wieder in Stille verschwindet.

Ich sitze hier und schreibe und während ich schreibe, spüre ich beides:
Die Dankbarkeit und die Narbe.

Der Verlust hat mich nicht zerstört.
Aber er hat mich verändert.

Ich bin weicher geworden und gleichzeitig stärker.
Ich weiß jetzt, wie tief ein Herz fühlen kann, ohne aufzuhören zu schlagen.
Ich weiß, dass Mutterschaft nicht erst mit einem Schrei beginnt.
Und dass man mehrere Kinder lieben kann, auch wenn nicht alle bleiben.

Du,  mein erstes kleines Leben, fehlst.
Nicht laut.
Nicht jeden Tag sichtbar.
Aber in einer Schicht meines Herzens, die niemand außer mit ganz berühren kann.

Vielleicht ist genau das meine Stärke geworden:
Ich trage Liebe, die keinen Ort hat und gebe sie trotzdem weiter.

An das Kind, das ging
und an das, das geblieben ist.

with love,
Janine
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