Und dann fragte er plötzlich nach seinem Bruder

Heute hat mich der Glückskeks mit einer einzigen Frage mitten ins Herz getroffen. "Mama, wo ist mein Bruder?"

Er saß da, ganz selbstverständlich, als würde er nur etwas wissen wollen, das er noch nicht versteht. Für ihn war es wahrscheinlich ein Gedanke wie jeder andere. Ein Gedanke, der plötzlich da war, zwischen Kindergartenrückblick und Mittagessen. Für mich war es ein Moment, der alles auf den Kopf stellte.

Ich war perplex.

Nicht, weil ich ihm nicht antworten könnte. Sondern, weil in dieser Frage so viel Leben und Verlust steckte. So viel Hoffnung, die nie bleiben durfte. Fünfmal habe ich ein Kind verloren, bevor ich den Glückskeks in meinen Armen halten durfte. Fünf kleine Leben, die nur für Momente existieren. Und jedes Mal zerbrach ein Teil von mir.

Als der Glückskeks dann plötzlich vor mir saß, war es ein Wunder. Ein Licht, das nach so vielen Schatten kam und genau deshalb weiß ich, dass wir kein weiteres Risiko eingehen können. Dass ein Geschwisterchen für ihn und für uns kein Weg ist, den wir bestreiten werden.

Für ihn ist die Welt noch logisch und neugierig. Kinder fragen einfach. Sie verstehen die Verletzlichkeit und die Brüche in unserem Herzen nicht. Sie spüren nur: es gibt etwas, das sie wissen wollen und dann ist die Frage auch schon wieder vorbei, weil die nächste Aufmerksamkeit ruft - ein Spielzeug, ein Buch, ein Lied.

Für uns Erwachsene bleibt die Frage hängen. Sie weckt all das, was wir erlebt haben, all die Liebe und den Schmerz, die Dankbarkeit und die Angst. Sie erinnert uns daran, wie zerbrechlich Leben ist, wie wertvoll das kleine Herz, das hier bei uns ist.

Ich habe ihn angeschaut, ihn in die Augen gesehen und versucht, ein Gefühl zu teilen, das ich kaum in Worte fassen kann. Einfach da sein. Liebe geben. Atmen.

 

Während er weiter über den Kindergarten erzählt, über Autos und kleine Abenteuer, bleibt diese Frage bei mir. Sie ist leise, aber tief. Sie erinnert mich daran, dass wir nicht alles erklären müssen. Dass wir nicht alles kontrollieren können. Dass manchmal ein kleines Herz einfach fragt und wir Erwachsenen fühlen die ganze Geschichte dahinter.

Später, wenn er schläft, liege ich gewiss wach und denke nach. Über die verlorenen Kinder, über den Glückskeks, über das, was wir hatten und das, was wir jetzt haben. Über das Glück das wir halten dürfen und über die leise Traurigkeit, die immer Teil davon sein wird.

Genau dann merke ich wieder: Es ist genug, dass er hier ist. Dass er lebt. Dass wir ihn lieben. Dass wir gemeinsam lachen und weinen und durch den Alltag gehen. Dass wir diese eine kleine Seele halten dürfen, nach all dem was wir verloren haben.

In einem Moment so kurz und einfach wie:

"Mama, wo ist mein Bruder?"
liegt mehr als Worte fassen können.

Es ist das Leben. Echt, verletzlich, wunderschön und zerbrechlich zugleich.

with love,
Janine
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