Man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man freiwillig eine zentrumsnahe Wohnung in der Stadt gegen einen Altbau auf dem Land eintauscht. Wir haben diesen Schritt gewagt und sind Anfang dieses Jahres in ein knapp 1700 Seelen-Dorf nahe des Senftenberger Sees gezogen. Damit haben wir uns den Traum vom Eigenheim erfüllt und leben seither in einer knapp 100 Jahre alten Doppelhaushälfte. In den vergangenen 9 Monaten haben wir dem Altbau neues Leben eingehaucht und einige notwendige Sanierungsmaßnahmen vollzogen. Dabei mussten wir viele Hürden überwinden, uns als Paar neu kennenlernen und gemeinsam nach Lösungen suchen. In diesem Beitrag möchten wir die letzten Monate mit euch teilen und einen Blick auf die kommenden Monate wagen. 9 Monate Altbau – ein Rückblick.

 

Wenn Nachbarn zu Problemen werden

 

Drogen, Alkohol und Kriminalität – es sollte ein Umzug in ein neues Leben werden, doch es endete mit Suizidgedanken, Streitigkeiten und der Angst vor einer möglichen Trennung.

Wir zogen unbewusst in ein Mehrfamilienhaus mit „Problemnachbarn“. Diesmal jedoch wohnte das „Problem“ Tür an Tür. So kam es bereits in den ersten beiden Wochen vor, dass unser Nachbar im stark alkoholisierten Zustand die Wohnungstür verwechselt und lautstark versucht hat unsere Tür einzutreten. Zu jenem Zeitpunkt war ich alleine zu Hause und völlig überfordert mit der Situation. Weinend saß ich im Flur und versuchte panisch Hilfe zu ordern. Erst nach 1 1/2 Stunden ließ er locker und verschwand im Keller.

Situationen dieser Art häuften sich und wir mussten sowohl Polizei als auch Wohnungsgesellschaft darüber in Kenntnis setzen. Ohne Erfolg.

Es wurde immer schlimmer. Beinahe täglich versuchte er im Suff die Tür einzuschlagen, erbrach sich auf unserem Abtreter und drohte mit Gewalt. Nervlich war ich völlig am Ende und vollkommen verloren. Es folgten schwere Depressionen, Suizidgedanken und Ängste.

Aufgrund dessen entschieden wir uns erneut für einen Umzug. Diesmal jedoch sollte es der letzte sein. Mitte des Jahres fingen wir daher an nach einem Eigenheim zu suchen. Vorstellungen und Wünsche hatten wir keine, vielmehr sehnten wir uns nach einem Fleckchen Ruhe.

 

Wir kaufen ein Haus

 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und Absagen seitens des Maklers, haben wir schließlich ein gemütliches Häuschen in einer grünen Oase außerhalb der Stadt gefunden. Alles schien perfekt, doch das Losglück war nicht auf unserer Seite, weshalb wir das Haus mit einem tränenden Auge einem anderen Mitbewerber überlassen mussten.

Knapp zwei Monate später erreichte uns schließlich ein Anruf “Hallo? Sind sie noch an dem Haus interessiert?” Verdutzt haben wir uns angesehen. “Das Haus wäre wieder zu haben” – unsere Herzen schlugen schneller. Durcheinander aber glücklich schrieben wir die Vor- und Nachteile der alten Immobilie auf und versuchten eine gemeinsame Antwort auf die Frage der Maklerin zu finden. Jeder für sich tippte wenig später ein JA oder NEIN ins Handy ein und zeigte es schließlich seinem Gegenüber. Schnell war klar: Ja, das wird unser Haus!

Im August 2020 unterzeichneten wir schließlich den Kaufvertrag, wohl wissend, dass wir erst im kommenden Jahr einziehen konnten.

 

Schlüsselübergabe & Start der Sanierungsmaßnahmen

 

Am 28. Februar 2021 war es dann endlich so weit: einen Tag vor der im Kaufvertrag festgelegten Schlüsselübergabe stand der große Moment an. Nervös, aber überglücklich machten wir uns mit einem vollgepackten Auto auf den Weg. Die Schlüsselübergabe erfolgte überraschend schnell. Zählerstände ablesen, eine kleine Runde durch die Räumlichkeiten und ein paar witzige Gespräche später standen wir alleine in unserem leeren Haus und konnten unser Glück kaum fassen. Mit dem Schlüssel in der Hand liefen wir durch die leeren Räume und sammelten erste Eindrücke.

Noch am selben Tag begannen wir mit den ersten Bauarbeiten.

 

9 Monate Altbau – Ein Rückblick

 

Inzwischen sind 9 Monate und 18 Tage vergangen. Der Altbau ist kaum noch wiederzuerkennen. Vor allem das Wohnzimmer hat eine riesen Verwandlung durchgemacht. Die dunklen Holzpaneele wurden von jeglichen Verschmutzungen befreit und mühsam mit einem Winkelschleifer abgeschliffen. Anschließend wurde den Paneelen mit ökologischen Farben neues Leben eingehaucht.

Der Raum wirkt seither viel freundlicher, heller und gemütlicher.

Sichtbare Veränderungen finden sich auch im hinteren Bereich des Altbaus wider. Sowohl Schlaf- als auch Ankleidezimmer offenbarten viele unerwartete Überraschungen und sorgten für viele nervenaufreibende Stunden. Hinter den dicken Tapetenschichten im künftigen Ankleidezimmer, offenbarte sich etwa eine ungewöhnliche Überraschung: Fliesen. Offensichtlich wurde der Raum früher als Küche genutzt, weshalb sowohl Anschlüsse als auch Fliesen vorhanden waren. Letzteres wurde mit Hammer und Meißel vorsichtig entfernt. Die verlegten Fliesen wurden dabei völlig zerstört und mussten anschließend als Bauschutt entsorgt werden.

Nebenbei haben wir den kleinen Flur im Anbau farblich umgestaltet. Die rote Farbe an den Wänden ließ den schmalen Durchgang noch enger wirken, weshalb wir uns bei der Neugestaltung für weiße Wandfarbe entschieden haben.

Die warmen Sommermonate wurden hingegen für die Umgestaltung des Gartens genutzt. Das fast 1000 m² Grundstück war zu jenem Zeitpunkt dicht bewachsen und somit kaum nutzbar. Wir mussten uns von riesigen Tannen trennen, Unmengen an Wurzeln ausgraben,  Pflanzen und Sträucher zurückschneiden und neuen Rasen säen.

 

Dachsanierung im Altbau

 

Mit Beginn der Herbstzeit fingen auch die Arbeiten direkt am Haus wieder an. Nach einem halben Jahr Wartezeit trudelten Mitte Oktober die Gerüstbauer ein und läuteten die Dachsanierung ein. Schon wenig später wurden die Dachsteine geliefert und die Sanierung begann. Gespannt beobachteten wir das Geschehen und freuten uns über das rege Treiben auf der Baustelle. Obwohl die Wetterfrösche viele Regenschauer vorhersagten, haben sich die Handwerker sofort auf das Dach geschwungen und mit dem Abriss begonnen. Dachstein für Dachstein landete im Container, begleitet von fröhlichen Gesängen der Handwerker.

Trotz zig Unterbrechungen aufgrund mieser Wetterverhältnisse, wurde das Dach unserer Doppelhaushälfte noch vor dem ersten Schnee fertig. Zusätzlich haben wir ein Wohnraumfenster im Treppenflur einbauen lassen.

 

Würden wir wieder ein Haus kaufen?

 

Das erste Jahr in den eigenen vier Wänden ist fast geschafft und obwohl wir viele Hürden meistern mussten, haben wir den Hauskauf bis dato nicht bereut. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass viele Punkte im Vorhinein offener kommuniziert worden wären, jedoch sind wir an genau diesen Hindernissen gewachsen. So trudelten vor allem in den ersten Wochen unzählig viele Rechnungen unterschiedlichster Ämter und Behörden ein, die dicke Fragezeichen hinterließen.

Auch mit fiesen Lästerattacken seitens anderer Siedlungsbewohner hatten wir anfangs sehr zu kämpfen.

Inzwischen wurden wir mit offenen Armen „aufgenommen“ und halten gerne mal ein Pläuschchen am Zaun.

Die wohl größte Herausforderung stellte aber in den vergangenen 9 Monaten unsere Klärgrube dar. Anfangs wussten wir nicht so recht mit der Situation umzugehen, zumal der Inhalt der sogenannten abflusslosen Abwassersammelgruben von einem Entsorgungsunternehmen in regelmäßigen Abständen ausgepumpt und zum Klärwerk transportiert werden muss. Überraschenderweise klappte die Abholung immer ganz gut, bis ein neuer Mitarbeiter einen fatalen Fehler begann und unseren Abholauftrag vergaß einzutragen.

Die Klärgrube war voll! Übervoll!

Wäsche waschen, Geschirrspüler nutzen, duschen gehen, Klospülung tätigen – nichts war mehr möglich. Die Badewanne lief aufgrund dessen schnell mit dreckigen Wasser voll.

Statt völlig verzweifelt nach einer Lösung zu suchen, standen wir erstmal lachend im Badezimmer. Online wurde sofort ein Campingklo geordert, um zumindest der Notdurft weiterhin nachgehen zu können. Auch das Entsorgungsunternehmen wurde kontaktiert, sah den Fehler sehr schnell ein und konnte dennoch keine sofortige Abholung garantieren. Wir standen nun also ein komplettes Wochenende ohne Toilette, Dusche, Waschmaschine, Geschirrspüler etc da.

Peinlich berührt erzählten wir den Nachbarn von unserem Missgeschick und mussten dabei feststellen, dass jeder von ihnen schon durch diese Situation durchmusste und seither ein Notfall-Campingklo zu Hause stehen hat.

 

Für 2022 wünschen wir uns viel Kraft für den weiteren Umbau und mehr Verständnis von unseren Mitmenschen. Denn leider mussten wir sehr viel Kritik innerhalb der eigenen Reihen einstecken, da wir offenbar nicht schnell genug umbauen. Nichtsdestotrotz lieben wir unser Häuschen und möchten die Ruhe keineswegs mehr missen.

„Am Anfang braucht man oft Mut, um am Ende glücklich zu sein.“

Janine