495 Tage ohne Antidepressiva – unzählig viele Tage die ich ohne ein Arzneimittel aus der Klasse der Psychopharmaka geschafft habe. Zurecht darf ich auf diesen Erfolg stolz sein, auch wenn es innerlich noch immer ein harter Kampf ist. Körperlich fühle ich mich trotz allem kraftlos und leer. Mir fehlt es an Freude im Herzen, an Hoffnung und einer Perspektive. Schuld an den vielen Selbstzweifeln sind auch meine schweren Verluste der letzten Monate.

 

Depressive Phasen nach Fehlgeburt

 

Es ist kein Geheimnis, dass Frauen nach einer Fehlgeburt depressive Krankheitssymptome entwickeln, die sich aber mit der Zeit wieder zurückbilden. In meinem Fall war die Depression schon vor dem Krisenerlebnis da, weshalb es mir schwerer fällt das Verlustereignis psychisch zu verarbeiten. Ich gebe mir die Schuld an den Fehlgeburten und sehe darin ein persönliches Scheitern. Geplagt von Selbstwertproblemen, Schuldgefühlen und dem Neid auf andere Mütter ziehe ich mich seither immer mehr in mein „Schneckenhaus“ zurück und verliere unbewusst die Kontrolle.

Zuletzt sichtbar wurde der Kontrollverlust im März dieses Jahres. Der Umbau unserer Immobilie hat mich völlig aus der Bahn geworfen und Panikanfälle und Depressionsausbrüche zutage gebracht. Ich stand unter Druck und habe mich damit vollständig ausgeknockt. Hinzu kam der 2. Todestag meines Sternenkindes Rosalie, der mir mit großer Wahrscheinlichkeit den letzten Rest gegeben hat. Nach einem Nervenzusammenbruch war das Thema Hausumbau erstmal Geschichte für mich.

 

Selbstverletzendes Verhalten – Mein Ruf nach Hilfe

 

Immer wieder frage ich mich, ob ich an einem Tag wie diesen eine andere Reaktion gezeigt hätte, wenn ich zu jenem Zeitpunkt noch immer auf Antidepressiva zurückgegriffen hätte. Immerhin werden Antidepressiva vornehmlich in der Behandlung von Depressionen verwendet und darüber hinaus auch bei einer Vielzahl von anderen psychischen Störungen eingesetzt. Dazu zählen etwa Panikattacken und Zwangsstörungen, Phobien und Angststörungen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen. Hätte der Nervenzusammenbruch und die schmerzhaften Selbstverletzungen an den Armen verhindert werden können?

So bastelst du einen Wutball bei Depressionen.

Ich glaube nicht. Gewiss wäre mein tun und handeln ein anderes gewesen. Allerdings glaube ich, dass ich meine bewusste Schädigung der Körperoberfläche trotz allem nicht hätte vermeiden können. Der Rückschlag hat mich viel Kraft gekostet und gezeigt, dass ich noch lange nicht am Ende meines Kampfes angekommen bin. Die Depression ist präsent und mit ihr der Drang der Selbstverletzung.

 

494 Tage ohne Antidepressiva – Ein Update

 

Auch wenn mein Alltag aktuell wieder schwerer zu meistern ist, hat das Absetzen des ungeliebten Antidepressivum auch einen positiven Nebeneffekt erzielt: Ich habe abgenommen. Mein Gewicht hat sich deutlich gesenkt, der Drang nach Bewegung ist gewachsen und ich fühle mich ohne Medikamente fröhlicher. Mittlerweile genieße ich das Leben wieder, erfreue mich an den farbenfrohen Blüten und Blumen im Garten und kann stolz von meinem Weg erzählen.

Die vielen Rückschläge haben mir gezeigt, woran ich arbeiten muss und Mut für die Zukunft geschenkt. Tatsächlich habe ich mich wieder für psychologische Hilfe entschieden, auch für den Besuch einer Tagesklinik, jedoch möchte ich diesen Weg ohne Antidepressiva meistern. Ob und inwiefern das möglich ist, wird sich zeigen, denn noch habe ich keinen Platz für eine Therapie gefunden.

Die Hoffnung auf langfristigen Erfolg und ein Leben ohne Medikamente ist aber präsenter denn je.

Janine