Wenn Heilung nicht immer geradeaus geht – mein Rückschritt auf dem Weg zurück zu mir

Als ich vor eineinhalb Jahren meine Verhaltenstherapie begonnen habe, hatte ich keine Vorstellung davon, wie sehr sie mein Leben verändern würde.

Ich dachte nicht, dass irgendwann einfach alles gut sein würde. So naiv war ich nicht. Aber ich hatte die Hoffnung, wieder mehr ich selbst sein zu können. Wieder Dinge zu tun, die für andere Menschen ganz selbstverständlich sind. Mehr rauszugehen. Mich weniger von meiner Angst bestimmen zu lassen. Wieder mehr Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten zu haben.

Und tatsächlich habe ich in dieser Zeit unglaublich viel geschafft.

Ich habe mich Dingen gestellt, von denen ich früher zurückgeschreckt wäre. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu hinterfragen und meine Ängste besser zu verstehen. Ich habe gelernt, dass Angst zwar laut sein kann, aber nicht immer die Wahrheit erzählt.

Ich war stolz auf mich.

Doch dann kam eine Situation, die vieles in  mir wieder ins Wanken gebracht hat.

 

Wenn der Weg zurück plötzlich wieder schwerer wird

 

Es war kein großer Streit, wie man ihn sich vielleicht vorstellen würde. Niemand hat sich angeschrien. Es gab kein Drama, keine großen Worte.

Es war eigentlich nur der Versuch, etwas anzusprechen.

Eine Bitte um mehr Rücksicht.

Der Wunsch, dass eine Grenze gesehen und akzeptiert wird.

Etwas, das eigentlich zu jeder guten Freundschaft und zu jedem respektvollen Miteinander dazugehören sollte. Aber was danach kam, hat mich tief getroffen.

Menschen, die mir wichtig waren, waren plötzlich nicht mehr Teil meines Lebens. Ein Ort, der mir einmal viel bedeutet hat, fühlte sich nicht mehr sicher an.

Mit diesem Verlust kam auch etwas zurück, das ich eigentlich schon ein gutes Stück hinter mir gelassen hatte: diese alte Angst.

 

Wenn man merkt, dass man wieder mehr kämpft

 

Ich hätte gerne geschrieben, dass ich damit gut umgehen konnte. Dass ich gesagt habe: "Ich habe Therapie gemacht, ich schaffe das."

Aber so war es nicht.

Es hat mich verletzt.

Es hat mich verunsichert.

Es hat etwas in mir ausgelöst, das ich lange nicht mehr so stark gespürt hatte.

Ich habe mich wieder zurückgezogen. Ich gehe weniger raus. Dinge, die ich mir mühsam wieder aufgebaut hatte, fühlen sich plötzlich wieder schwer an.

Alleine einkaufen zu gehen, kostet mich wieder viel Überwindung. Wenn es an der Tür klingelt, spüre ich diese Anspannung, bevor ich überhaupt weiß, wer davor steht.

Und ja, ich weine wieder mehr.

Nicht, weil ich schwach bin.

Sondern weil es unglaublich schwer ist, das Gefühl zu haben, man hätte einen großen Schritt nach vorne gemacht und steht plötzlich wieder ein Stück zurück.

 

Habe ich meine Fortschritte verloren?

 

Diese Frage habe ich  mir oft gestellt. Habe ich all das, was ich gelernt habe, wieder verloren? War die ganze Arbeit umsonst?

Früher hätte ich wahrscheinlich genau das gedacht. Heute weiß ich, dass es nicht so ist.

Denn Therapie bedeutet nicht, dass man nie wieder verletzt wird. Sie bedeutet nicht, dass das Leben keine schwierigen Situationen mehr bereithält.

Auch Menschen, die wachsen dürfen zurückfallen.

Der Unterschied ist vielleicht, dass ich heute anders damit umgehe. Ich verstehe besser, was gerade mit mir passiert. Ich kann benennen, warum etwas so viel in mir auslöst und ich weißt, dass ich mir Hilfe holen darf.

 

Ein Rückschritt bedeutet nicht, dass alles weg ist

 

Ich glaube, wir sprechen viel darüber, wie man stärker wird. Aber wir sprechen viel zu selten darüber, dass Stärke auch bedeutet, ehrlich zu sein, wenn es gerade nicht gut läuft.

Ich bin gerade nicht dort, wo ich gerne wäre.

Das tut weh.

Ich vermisse die Version von mir, die wieder mehr gemacht hat. Die mutiger war. Die sich viele Dinge zugetraut hat. Aber vielleicht ist genau das auch ein Teil meines Weges. Vielleicht geht es nicht darum niemals wieder an diesen Punkt zu kommen. Vielleicht geht es darum, irgendwann zu erkennen: Ich war schon einmal hier. Ich kenne diesen Weg und ich finde auch wieder heraus.

 

Ich bin nicht wieder am Anfang

 

Das ist der Gedanke, an dem ich mich festhalte. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Ich bin nicht wieder die gleiche Frau wie vor eineinhalb Jahren. Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen, für mich einzustehen und das meine Gefühle und Bedürfnisse wichtig sind.

Dass mich eine schwere Zeit zurückwirft, bedeutet nicht, dass alles verloren ist.

Vielleicht braucht Heilung manchmal nicht nur Fortschritt. Vielleicht braucht sie auch Pausen und Momente, in denen wir traurig sein dürfen, bevor wir wieder weitergehen.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Weg dauern wird. Aber ich weiß, dass ich ihn schon einmal geschafft habe und ich weiß, dass ich ihn wieder schaffen kann.

Nicht, weil ich immer stark bin, sondern weil ich gelernt habe, dass auch die schwachen Tage zu mir gehören dürfen.

 

Ich habe nicht alles verloren. Ich bin gerade nur an einem Punkt angekommen, an dem ich mich wieder neu auffangen darf.

with love,
Janine
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