„Hey Leben, was geht nur manchmal in deinem Kopf vor? Erst lässt du mich lachend durch den Alltag gehen und plötzlich schwindest du in die Ferne dahin. Hinterlässt einen stechenden Schmerz, unzählig viele Tränen auf den Wangen und den Wunsch meinem Leben ein Ende zu bereiten.

Seit mehr als 5 Jahren bin ich eine von vielen, die an einem sogenannten Serotoninmangel leidet. Der Mangel des Glückshormons hat einen starken Einfluss auf meine emotionalen Prozesse wie Angst oder Aggressionen und muss deshalb mithilfe von Tabletten wiederhergestellt werden. Serotonin kann zwar über die Nahrung aufgenommen werden, kommt dadurch jedoch nicht im Gehirn an. Denn dazu müsste es die Blut-Hirn-Schranke überwinden, die wie eine Art Schutzmechanismus für das Gehirn funktioniert. Deshalb muss Serotonin täglich im Gehirn selbst neu gebildet werden.

Neben den Medikamenten ist auch die Hoffnung auf ein Leben ohne Depressionen stets präsent. Immerhin ist diese der Motor des Lebens. Der Antrieb unserer Existenz. Jedes Aufstehen am Morgen beginnt mit einer Hoffnung. Sei es nur die auf gutes Wetter oder einen netten Abend.

Mal abgesehen davon, dass ich regelmäßig eine Gruppentherapie sowie einen Psychiater bezüglich meiner Tabletten besuche, gehört für mich auch der Austausch meiner Erfahrungen zum Leben dazu. Demzufolge berichte ich in unregelmäßigen Abständen von meiner Krankheit, den Nebenwirkungen und kleinen Erfolgen, in der Hoffnung anderen Betroffenen Mut zu schenken. Denn obwohl die Krankheit mein Leben völlig auf den Kopf gestellt hat, wache ich häufig mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Wohlgemerkt, ich bin seit über 5 Jahren Frührentner und lebe damit quasi am Existenzminimum. Nebenbei führe ich mit meinem Blog jedoch ein Kleingewerbe, dass den strengen Vorschriften eines Rentners unterlegen ist. Für mich der wohl wertvollste Halt und eine Möglichkeit den inneren Gedanken Raum zu gewähren.

 

Suizidgedanken und der Versuch zu sterben

 

Viele Gedanken bezüglich meiner Krankheit teile ich auch hier auf dem Blog. Dies tue ich nicht nur um damit abschließen zu können, sondern anderen Menschen eine Plattform zu geben, sich anonym mitzuteilen. Gerade der Bereich „Suizidgedanken“ ist in der heutigen Gesellschaft eine Art Tabu und wird nicht gerne gesehen. Nichtsdestotrotz habe ich auch hierüber bereits mehrfach berichtet und meine Erfahrungen niedergeschrieben. Zuletzt beispielsweise über meinen letzten Suizidversuch. Für mich war der Augenblick, während die Worte getippt wurden, befreiend und lösend. Das ich damit andere animieren würde sich schreckliches zuzufügen, war mir jedoch nicht bewusst. So kam es, dass erst vor wenigen Wochen eine grausame Tat auf meinem Blog angekündigt wurde.

Ein mir bis dato unbekannter Mann aus dem Nachbarland Österreich hinterließ eine verzweifelte und zugleich erschreckende Nachricht unter besagten Blogbeitrag. Während er diese Zeilen verfasst hat, saß ich gemütlich mit einem Gläschen Sekt in der Hand auf dem Sofa meiner Nachbarn und genoss deren Gastfreundschaft. Zwischendurch wagte ich einen Blick auf mein Handy um vorhandene Blog-Kommentare zu beantworten und freizuschalten. In genau diesem Moment fiel mir auch der Kommentar eines Herren auf, der dem Leben nichts Positives abgewinnen konnte.

Entsetzt und verwirrt starrte ich auf mein Handy und vergass den Trubel um mich herum. Konnte das wirklich echt sein? Versucht mich hier gerade jemand zu verarschen?

Unzählig viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Mein Gesichtsausdruck schien Bände gesprochen zu haben. Besorgt erkundigten sich meine Liebsten nach meinem Wohl und nahmen fassungslos die wenig gesprochenen Worte auf. Gemeinsam suchten wir nach einer Lösung, die letztlich mit einem Anruf bei der örtlichen Polizei endete. Diese nahm mich ernst und reagierte prompt weshalb ich jedes noch so winzige Detail via Mail zukommen lassen musste. Aufgrund der neuen Datenschutzgrundverordnung mangelte es jedoch an den nötigsten Informationen. IP-Adresse etc waren demzufolge nicht vorhanden. Lediglich eine E-Mail Adresse, ein Vorname, das Alter und sein Wohnort.

 

Suizidgedanken machen Dich nicht zu einem schlechteren Menschen

 

In den darauffolgenden Tagen ähnelte mein Leben einem Film. Auf Wunsch der Polizei musste ich Kontakt zu besagter Person halten. Währenddessen ermittelte man in alle Richtungen. Eine belastende Situation die mir Schlaf und Freude raubte. Denn niemand wusste, ob es sich hierbei um einen schlechten Scherz oder aber Realität handeln würde. Der Kontakt zur örtlichen Polizei wurde enger, fast täglich standen Beamte vor meiner Haustür oder riefen an.

Gleichzeitig fühlte ich mich gesundheitlich immer schlechter. Mal abgesehen davon, dass ich kaum noch Schlaf gefunden habe, hat mich die Situation allgemein sehr beunruhigt. Ich fühlte mich schuldig und ängstlich. Mir war zu jenem Zeitpunkt nicht bewusst, wie meine Texte bezüglich meiner Krankheit auf andere wirken würden. Dachte ich doch stets ich würde lediglich Gefühle und Gedanken äußern. Dabei konnten andere Personen weitaus mehr aus den Versen herauslesen. Auch dachte ich über ein Ende meines Blogs nach. Unzählig viele Tränen kullerten.

 

Weltweit nahmen sich nach dem Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation  2012 etwa 804.000 Menschen das Leben. Dies entspricht 11,4 pro 100.000 Menschen. In Deutschland versterben jährlich circa 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Menschen, als im Verkehr, durch Drogen und durch Aids zu Tode kommen.

 

Nach wenigen Tagen kam schließlich eine weitere Nachricht des gesuchten Herrn. Er wurde offenbar von der Polizei heimgesucht (Interpol sei dank) und in das örtliche Krankenhaus gebracht. Vor Ort wurde er gründlich untersucht. Daraufhin habe er seine verfasste Suizidankündigung durchdacht und begriffen, dass er seiner Familie einen solchen Verlust nicht antun könne. Eine wertvolle Einsicht, die genau im richtigen Moment kam.

Auch ich habe aus der Sache gelernt und verstanden, dass Suizidgedanken uns nicht zu einem schlechteren Menschen machen. Im Gegenteil. Manchmal wirken wir verzweifelt, einsam und leer. Denken über den Tod nach und sehnen uns nach dem Ende unseres Lebens. Doch egal wie grausam und schmerzvoll der Alltag manchmal auch sein kann, im Herzen sind wir dankbar für jeden Moment den wir erleben dürfen. Ich verurteile niemanden für seine Gedanken, seine Taten oder seinen Wunsch gehen zu wollen. Denn Suizidgedanken machen uns nicht zu einem schlechteren Menschen. Sie zeigen nur wie wichtig Aufklärung, Hilfe und Halt sein kann.“

Janine