Suizidgedanken machen Dich nicht zu einem schlechteren Menschen

13. Juni 2018Calista

„Hey Leben, was geht nur manchmal in deinem Kopf vor? Erst lässt du mich lachend durch den Alltag gehen und plötzlich schwindest du in die Ferne dahin. Hinterlässt einen stechenden Schmerz, unzählig viele Tränen auf den Wangen und den Wunsch meinem Leben ein Ende zu bereiten.

Seit mehr als 5 Jahren bin ich eine von vielen, die an einem sogenannten Serotoninmangel leidet. Der Mangel des Glückshormons hat einen starken Einfluss auf meine emotionalen Prozesse wie Angst oder Aggressionen und muss deshalb mithilfe von Tabletten wiederhergestellt werden. Serotonin kann zwar über die Nahrung aufgenommen werden, kommt dadurch jedoch nicht im Gehirn an. Denn dazu müsste es die Blut-Hirn-Schranke überwinden, die wie eine Art Schutzmechanismus für das Gehirn funktioniert. Deshalb muss Serotonin täglich im Gehirn selbst neu gebildet werden.

Neben den Medikamenten ist auch die Hoffnung auf ein Leben ohne Depressionen stets präsent. Immerhin ist diese der Motor des Lebens. Der Antrieb unserer Existenz. Jedes Aufstehen am Morgen beginnt mit einer Hoffnung. Sei es nur die auf gutes Wetter oder einen netten Abend.

Mal abgesehen davon, dass ich regelmäßig eine Gruppentherapie sowie einen Psychiater bezüglich meiner Tabletten besuche, gehört für mich auch der Austausch meiner Erfahrungen zum Leben dazu. Demzufolge berichte ich in unregelmäßigen Abständen von meiner Krankheit, den Nebenwirkungen und kleinen Erfolgen, in der Hoffnung anderen Betroffenen Mut zu schenken. Denn obwohl die Krankheit mein Leben völlig auf den Kopf gestellt hat, wache ich häufig mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Wohlgemerkt, ich bin seit über 5 Jahren Frührentner und lebe damit quasi am Existenzminimum. Nebenbei führe ich mit meinem Blog jedoch ein Kleingewerbe, dass den strengen Vorschriften eines Rentners unterlegen ist. Für mich der wohl wertvollste Halt und eine Möglichkeit den inneren Gedanken Raum zu gewähren.

 

Suizidgedanken und der Versuch zu sterben

Viele Gedanken bezüglich meiner Krankheit teile ich auch hier auf dem Blog. Dies tue ich nicht nur um damit abschließen zu können, sondern anderen Menschen eine Plattform zu geben, sich anonym mitzuteilen. Gerade der Bereich „Suizidgedanken“ ist in der heutigen Gesellschaft eine Art Tabu und wird nicht gerne gesehen. Nichtsdestotrotz habe ich auch hierüber bereits mehrfach berichtet und meine Erfahrungen niedergeschrieben. Zuletzt beispielsweise über meinen letzten Suizidversuch. Für mich war der Augenblick, während die Worte getippt wurden, befreiend und lösend. Das ich damit andere animieren würde sich schreckliches zuzufügen, war mir jedoch nicht bewusst. So kam es, dass erst vor wenigen Wochen eine grausame Tat auf meinem Blog angekündigt wurde.

Ein mir bis dato unbekannter Mann aus dem Nachbarland Österreich hinterließ eine verzweifelte und zugleich erschreckende Nachricht unter besagten Blogbeitrag. Während er diese Zeilen verfasst hat, saß ich gemütlich mit einem Gläschen Sekt in der Hand auf dem Sofa meiner Nachbarn und genoss deren Gastfreundschaft. Zwischendurch wagte ich einen Blick auf mein Handy um vorhandene Blog-Kommentare zu beantworten und freizuschalten. In genau diesem Moment fiel mir auch der Kommentar eines Herren auf, der dem Leben nichts Positives abgewinnen konnte.

Entsetzt und verwirrt starrte ich auf mein Handy und vergass den Trubel um mich herum. Konnte das wirklich echt sein? Versucht mich hier gerade jemand zu verarschen?

Unzählig viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Mein Gesichtsausdruck schien Bände gesprochen zu haben. Besorgt erkundigten sich meine Liebsten nach meinem Wohl und nahmen fassungslos die wenig gesprochenen Worte auf. Gemeinsam suchten wir nach einer Lösung, die letztlich mit einem Anruf bei der örtlichen Polizei endete. Diese nahm mich ernst und reagierte prompt weshalb ich jedes noch so winzige Detail via Mail zukommen lassen musste. Aufgrund der neuen Datenschutzgrundverordnung mangelte es jedoch an den nötigsten Informationen. IP-Adresse etc waren demzufolge nicht vorhanden. Lediglich eine E-Mail Adresse, ein Vorname, das Alter und sein Wohnort.

 

Suizidgedanken machen Dich nicht zu einem schlechteren Menschen

In den darauffolgenden Tagen ähnelte mein Leben einem Film. Auf Wunsch der Polizei musste ich Kontakt zu besagter Person halten. Währenddessen ermittelte man in alle Richtungen. Eine belastende Situation die mir Schlaf und Freude raubte. Denn niemand wusste, ob es sich hierbei um einen schlechten Scherz oder aber Realität handeln würde. Der Kontakt zur örtlichen Polizei wurde enger, fast täglich standen Beamte vor meiner Haustür oder riefen an.

Gleichzeitig fühlte ich mich gesundheitlich immer schlechter. Mal abgesehen davon, dass ich kaum noch Schlaf gefunden habe, hat mich die Situation allgemein sehr beunruhigt. Ich fühlte mich schuldig und ängstlich. Mir war zu jenem Zeitpunkt nicht bewusst, wie meine Texte bezüglich meiner Krankheit auf andere wirken würden. Dachte ich doch stets ich würde lediglich Gefühle und Gedanken äußern. Dabei konnten andere Personen weitaus mehr aus den Versen herauslesen. Auch dachte ich über ein Ende meines Blogs nach. Unzählig viele Tränen kullerten.

 

Weltweit nahmen sich nach dem Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation  2012 etwa 804.000 Menschen das Leben. Dies entspricht 11,4 pro 100.000 Menschen. In Deutschland versterben jährlich circa 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Menschen, als im Verkehr, durch Drogen und durch Aids zu Tode kommen.

 

Nach wenigen Tagen kam schließlich eine weitere Nachricht des gesuchten Herrn. Er wurde offenbar von der Polizei heimgesucht (Interpol sei dank) und in das örtliche Krankenhaus gebracht. Vor Ort wurde er gründlich untersucht. Daraufhin habe er seine verfasste Suizidankündigung durchdacht und begriffen, dass er seiner Familie einen solchen Verlust nicht antun könne. Eine wertvolle Einsicht, die genau im richtigen Moment kam.

Auch ich habe aus der Sache gelernt und verstanden, dass Suizidgedanken uns nicht zu einem schlechteren Menschen machen. Im Gegenteil. Manchmal wirken wir verzweifelt, einsam und leer. Denken über den Tod nach und sehnen uns nach dem Ende unseres Lebens. Doch egal wie grausam und schmerzvoll der Alltag manchmal auch sein kann, im Herzen sind wir dankbar für jeden Moment den wir erleben dürfen. Ich verurteile niemanden für seine Gedanken, seine Taten oder seinen Wunsch gehen zu wollen. Denn Suizidgedanken machen uns nicht zu einem schlechteren Menschen. Sie zeigen nur wie wichtig Aufklärung, Hilfe und Halt sein kann.“

Janine

14 Comments

  • Annelina

    13. Juni 2018 at 10:32

    Sehr guter Beitrag und absolut lobenswert, dass du die Polizei benachrichtigt hast. Auch wenn es dir dadurch leider nicht gut ging. Aber hättest du nichts getan und es wäre schlimm für den Herrn ausgegeangen, wäre es dir im Anschluss wahrscheinlich schlechter gegangen – genauso, wenn du nicht wüsstest, wie es ausgegangen ist. Respekt dafür.

    1. Calista

      13. Juni 2018 at 13:27

      Danke für deine lieben Worte!

  • Ivonne

    13. Juni 2018 at 10:49

    Ich finde es gut, dass du die Geschichte noch mal auf dem Blog erzählst und bin froh, dass du weiterhin am Blog festhältst. Viele werde durch deine offene Art mit deiner „Krankheit“ umzugehen auch Mut, Zuspruch und vielleicht auch Hilfe finden.

    1. Calista

      13. Juni 2018 at 13:05

      Das hoffe ich! Schließlich sollte ein solches Thema kein Tabu sein^^

  • Astrid Scholz

    13. Juni 2018 at 11:33

    Hallo Janine,das tut mir echt leid . So Etwas durchzumachen, bewundere dich dafür .Du bist ein wertvoller Mensch,so zu handeln . Danke für deine erlichen Gedanken die du teilst mit anderen . Ich weiss das bestimmt nicht immer einfach ist für dich . Da meine jüngste Schwester seit Jahren daran leidet ,und immer ein Kreislauf jeden Tag bereit hält . Ich drück dich aus der ferne,hoffe für dich das deine Kraft nicht nachlässt . Und das deine lieben zu dir stehen in allen Lebenslagen. Ob leid oder freut .alles liebe für dich .Ganz liebe Grüsse Astrid

    1. Calista

      13. Juni 2018 at 13:04

      Ich denke positiv. An manchen Tagen ist es natürlich besonders schlimm und ich habe Angst die Kontrolle über mich zu verlieren, aber ich habe zwei wundervolle Katzen bei mir die mich da sofort auf den Boden der Tatsachen zurück bringen :)

  • Pueppi Kämpferherz (Pueppi1812)

    13. Juni 2018 at 12:31

    Hallo meine Liebe,
    ich selbst habe in den 90ern Suizid begangen und nicht nur einmal, der Suizid der fast geklappt hat, hat mich auf den Boden der Tatsachen geholt und mich wieder ins Leben geholt, so scheisse es auch für mich sein mag, habe ich gelernt zu leben und zu kämpfen. Sowas werde ich nie wieder machen, lieber falle ich und stehe wieder auf, immer und immer wieder. All die jenigen, denen ich was bedeutet habe, habe ich damit verletzt, das wird nie mehr passieren…. Du hast gute Arbeit geleistet, auch wenn es dir leider damit nicht gut erging, aber du hast reagiert und das ist gut. Du hast es nicht einfach aber dennoch bist du tapfer und darauf kannst du stolz sein. Danke, fürs deinen Mut und deinen Zuspruch. Fühle Dich gedrückt. Liebe Grüße von mir.

    1. Calista

      13. Juni 2018 at 13:03

      Danke für deinen lieben Kommentar :) ich wünsche dir weiterhin alles Liebe!

  • Jessica Ramm

    13. Juni 2018 at 12:58

    Liebe Janine, du hast sehr vorbildlich gehandelt und so ein Leben gerettet! Ich habe einmal eine ganz persönliche Frage an dich bzw Anmerkung. Ein Familien Mitglied und ich selbst hatten eine negative Erfahrung mit unserer Verhütungsmethode gemacht. Durch Facebook sind wir auf mehrere Gruppen gestoßen die unsre Probleme (angststörungen, vermehrte Muskelachnerzem, Depression) erklärten. Schuld war die Spirale ( jaydes, Mirena). Natürlich sagen die Frauenärzte was anderes , aber beim entfernen eurden sue Beschweren besser und die Depression von meiner Freundin war weg.

    1. Calista

      13. Juni 2018 at 13:02

      Hallo,
      danke für deinen Kommentar. Davon habe ich tatsächlich schon gehört und gelesen allerdings habe ich selber keinerlei Erfahrungen damit. Ich hatte damals die Pille und habe sie dann aufgrund von Unverträglichkeit abgesetzt. Das war allerdings vor der Zeit meiner richtig starken Depressionen.
      ^^

  • Jessica Ramm

    13. Juni 2018 at 12:59

    Du musst den Kommentar auch nicht veröffentlichen

  • Natascha Reichert

    13. Juni 2018 at 23:43

    Gut gemacht!
    Ich kann mir vorstellen,was für ein Zwiespalt das gewesen sein muss!!!
    Ich weiß leider auch zu gut,wie es ist,nicht mal den nächsten Abend erleben zu wollen.
    Inzwischen ist es genau anders herum,ich bin dankbar für jeden Tag,den ich erleben DARF.
    Vielleicht kommt der Tag und es geht diesem Mann genauso und dann hast DU IHN GERETTET!
    Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals auch für Dich,damit auch Du mit Mut und Zuversicht in die Zukunft sehen kannst?
    Ich wünsch Dir alles Glück dieser Welt

  • Christine S.

    22. Juni 2018 at 8:49

    Oje, das war bestimmt nicht einfach für Dich und ein Schock, aber zum Glück ging es gut aus. Und für Dich aber auch positiv – Du hast richtig reagiert und warst stark für eine unbekannte Person!

  • Tina

    11. August 2018 at 15:57

    Liebe Janine,
    Ich finde es toll das du so reagiert hast und es tut mir leid, das du dadurch selber soviel „leid“ ertragen musstest.
    Ich selber kenne Depressionen auch, allerdings habe ich das grosse Glück, das ich nicht medikamentös behandelt werden muss. Ich habe meinen besten Freund an diese grausame Krankheit verloren.
    Aber ich möchte dich bitten, das du dir vor Augen hälst, das du nichts dafür kannst wenn ein Mensch sich dazu entscheidet zu gehen.
    Aber ich verstehe sehr gut das du so gehandelt hast und bin sehr froh das alles gut ausgegangen ist !!! Fühl dich einfach mal lieb gedrückt von mir !!! Tina

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