Seit mehr als 8 Jahren bin ich aufgrund von starken Depressionen in psychologischer Behandlung. Nicht immer war es einfach die unterschiedlichen Therapien zu meistern, doch im Herzen wusste ich, dass ich nur so eine Chance habe ein normales Leben führen zu können. Das dazu auch eine medikamentöse Behandlung gehört war mir bewusst.

Täglich griff ich auf eine Vielzahl an bunten Pillen zurück, schluckte sie notgedrungen herunter und hoffte auf eine schnelle Besserung meiner Beschwerden. Seufz, Beschwerden – ein seltsames Wort für eine so verfahrene und beschissene Situation. Erstaunlicherweise werden täglich unzählig viele Medikamente gegen Depressionen verschrieben und eingenommen. Dabei sind vor allem sogenannte Serotonin-Wideraufnahme-Hemmer (SSRI) beliebt, weil sie in vielen Fällen recht schnell helfen. Zudem weisen sie deutlich weniger Nebenwirkungen hervor als frühere Antidepressiva.

 

Doch was, wenn wir diese Medikamente plötzlich absetzen wollen?

 

Es ist kein Geheimnis, dass nach dem Absetzen von Antidepressiva häufig unangenehme Begleiterscheinungen auftreten können. Die Symptome ähneln dabei denen, die beim Entzug von starken Beruhigungsmitteln auftreten. Und ja, nach dem Absetzen von Antidepressiva können auch schwerwiegende Symptome wie etwa eine Manie vorkommen. Dabei sind Betroffene ohne Grund übermäßig gut gelaunt und voller übersteigertem Tatendrang, während sie sich gleichzeitig stark überschätzen und sich häufig riskant verhalten. Dafür liegen allerdings bisher nur bedingt verlässliche Fallberichte vor. Auch ist unklar, wie häufig eigentlich Entzugssymptome nach dem Absetzen von Antidepressiva sind.

 

12 Monate ohne Medikamente – Ein Erfahrungsbericht

 

Bevor ich mich vollständig von meinen Antidepressiva gelöst habe, stimmte ich einem Medikamentenwechsel zu. Das ungeliebte Paroxetin wurde innerhalb weniger Wochen durch Escitalopram ersetzt. Das Eutomer von Citalopram ist im Vergleich zu anderen Antidepressiva besser verträglich und besitzt eine geringere Inzidenz für schwere Nebenwirkungen. Eingesetzt wird es vor allem bei starken Depressionen, Panikstörungen und sozialen Ängsten. Doch Escitalopram ist deswegen noch lange kein „Wundermittel“ und sollte demzufolge nicht in den Himmel hochgelobt werden. Denn auch dieses Medikament weist Unmengen an Nebenwirkungen hervor. So litt ich die erste Zeit an starken Kopfschmerzen und Übelkeit. Auch mein Appetit hat sich durch die Einnahme deutlich vermindert. Schlaflosigkeit und anormale Träume sorgten zudem für miese Stimmung.

Im Dezember 2019 fasste ich schließlich einen radikalen Entschluss: ich will OHNE Antidepressiva leben. 

Am 1. Januar 2020 begann mein Weg „zurück zur Normalität“ und damit ein hoffnungsvoller Kampf. Die ersten 7 Monate lief alles super. Ich fühlte mich wohl, konnte wieder lächeln und bereute meine Entscheidung keine einzige Minute. Depressive Phasen überwand ich mithilfe unterschiedlicher Skills. Suizidgedanken hingegen mit viel Offenheit meinem Partner gegenüber. Immer dann, wenn der Wunsch nach Selbstverletzung oder dem Ableben im Raum stand, öffnete ich mich ihm und sprach von meinen Gedanken und Gefühlen. Kein einfacher aber ein notwendiger Schritt.

 

Rückschläge und unüberwindbare Herausforderungen

 

Mit dem plötzlichen Verlust meines Regenbogenbabys „Ruby“ im August 2020 änderte sich jedoch schlagartig alles. Seitdem stecke ich in einer schweren Depression. Ein Rückschlag, der mir viel Kraft kostet und ein unüberwindbares Hindernis darstellt. Täglich sitze ich weinend auf dem Boden und starre in den Himmel. Ich wippe nervös, traue mich kaum mein Spiegelbild anzusehen und versuche verzweifelt die bösen Gedanken schwinden zu lassen. Die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sorgen für zusätzlichen Kummer. Denn auch wenn ich die Entscheidungen und Regeln allesamt dulde und als wichtig erachte, sehne ich mich nach besonderen Erlebnissen und Momenten, die mir sonst immer gut bei depressiven Phasen geholfen haben. So bin ich etwa täglich in den Tierpark gegangen, um unter Menschen zu kommen, ihnen zeitgleich aber nicht zu nah sein zu müssen. Außerdem empfand ich die Anwesenheit der vielen Tiere als beruhigend und schön.

Ausgelöst wurde diese schwere depressive Phase durch die mittlerweile dritte Fehlgeburt in Folge. „Ruby“, wie ich mein Sternenkind liebevoll getauft habe, wird im März/April 2021 symbolisch beigesetzt. Erst dann wird mein Herz Ruhe finden und die Trauerarbeit vonstattengehen können.

Trotz allem habe ich auf die Einnahme von Antidepressiva zur Besserung der Stimmung verzichtet. Ich möchte auch weiterhin ohne Medikamente auskommen, bin mittlerweile jedoch wieder dazu bereit psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Es ist keine Schande einen Schritt zurückzugehen, vielmehr beweist man damit innere Stärke sich zur richtigen Zeit für den richtigen Weg zu entscheiden.

Selbstfürsorge sollte stets an erster Stelle stehen. 

Janine